WITTGENSTEIN
Der Mensch in Sprache, Praxis und Lebensform
Vom Reden über den Menschen zum gelebten Menschsein.

Woran zeigt sich, wer wir wirklich sind?
Zurück in die Wirklichkeit
Der späte Ludwig Wittgenstein kehrt aus der reinen Logik in die Wirklichkeit zurück. Er hört auf, nach der einen exakten Struktur hinter der Sprache zu suchen, und beginnt zu beobachten, wie Menschen tatsächlich sprechen, arbeiten, streiten, sich verständigen.
Bedeutung liegt danach nicht in einer Definition, sondern im Gebrauch. In dem, was Menschen mit einem Wort tun. In den Situationen, in denen es etwas verändert – oder eben nicht.
Für ein Menschenbild ist das eine unbequeme Wendung. Es genügt dann nicht mehr, den Menschen gut zu beschreiben. Man muss zeigen, wie er lebt.
Ein Menschenbild ist erst dann von Bedeutung,wenn es im Leben einen Unterschied macht.
Ich bin nicht über die Philosophie zu Wittgenstein gekommen, sondern über die Praxis. Über Projekte, die anders verlaufen sind als geplant. Über Konflikte, in denen alle Beteiligten recht hatten. Über gescheiterte Versuche, aus denen wir mehr gelernt haben als aus den erfolgreichen.
Ich habe mit Entwicklerinnen und Entwicklern gearbeitet, mit Designern, mit Kundinnen und Kunden, in Open Spaces, in denen sich Ordnung erst im Verlauf gebildet hat. Immer wieder gab es Situationen, in denen theoretisch richtige Modelle in der Praxis nicht funktioniert haben.
Nicht, weil die Modelle falsch waren. Sondern weil sie nicht beschreiben konnten, was in diesem Raum, mit diesen Menschen, an diesem Tag wirklich möglich war. Das Wissen, das dann trug, lag nicht in der Folie. Es lag in der Handlung.
Manchmal kommt die Theorie erst nach dem Können.
Allan Janik hat dem Innovation Tribe ein philosophisches Vorwort gegeben – und damit einer sehr praktischen Arbeit einen Denkraum eröffnet. Seine Linie führt von Michael Polanyi und dem stillen, impliziten Wissen zu Wittgenstein und zum Lernen an Beispielen.
Michael Polanyi
→ tacit knowing
→ Wittgenstein
→ Lernen an Beispielen
→ praktisches Wissen
→ Wissen im Tun
Der Homo Innovaticus ist ein Gedanke, der leicht zur Behauptung werden kann. Man kann ihn erklären, präsentieren, in Leitbilder schreiben – und dabei nichts ändern.
Wittgenstein macht diese Gefahr sichtbar. Wenn Bedeutung im Gebrauch entsteht, dann entsteht auch die Bedeutung eines Menschenbildes im Gebrauch: in Entscheidungen, in Prioritäten, im Umgang mit Widerspruch.
Homo Innovaticus ist keine Identität, die man behauptet.Er ist eine Praxis, die man sichtbar macht.
Was ein Wort wirklich bedeutet
Eine Lebensform ist mehr als eine Überzeugung. Sie ist eine geteilte Praxis: eingespielte Selbstverständlichkeiten, Umgangsformen, Reaktionen, die niemand mehr begründen muss.
Deshalb sagt eine Wertetafel an der Wand noch nichts. Worte werden nicht durch Erklärungen wahr, sondern durch das, was ihnen im Alltag folgt.
Innovation
Verantwortung
Vertrauen
Offenheit
Humanität
Purpose
Keines dieser Worte wird durch eine Erklärung bewiesen. Ihre Bedeutung wird in der Praxis sichtbar – in dem, was geschieht, wenn es unbequem wird.
Ein Wert erhält seine wirkliche Bedeutungin der Art, wie wir ihn leben.
Regeln geben Orientierung. Sie machen Zusammenarbeit möglich, sie entlasten, sie schaffen Verlässlichkeit. Ohne Regeln wäre jede Situation ein Neubeginn.
Aber eine Regel enthält nicht schon ihre eigene Anwendung. Wirklich neue Situationen – und das sind in der Innovation die interessanten – verlangen menschliche Urteilskraft: Abwägung, Kontext, den Mut zu einer Entscheidung, die keine Vorschrift deckt.
Verantwortung beginnt dort,wo die Regel allein nicht mehr entscheidet.
Menschen lernen selten aus Definitionen. Sie lernen an Beispielen: an einer Situation, die gut gelöst wurde, an einer Reaktion, die überrascht hat, an einem Verhalten, das ohne Worte klarmachte, was hier gilt.
Ein Menschenbild verbreitet sich deshalb nicht über Erklärungen, sondern über Vorbilder und Episoden. Über Geschichten, die man weitererzählt, weil sie etwas gezeigt haben.
Ein gutes Beispiel erklärt weniger und zeigt mehr.
Sprachmodelle beherrschen den Gebrauch der Sprache in einem Maß, das noch vor wenigen Jahren undenkbar war. Sie treffen Ton, Kontext, Register. Das führt zu einer Frage, die Wittgenstein sehr interessiert hätte.
Ist sprachliche Kompetenz bereits Verstehen?
Eine schnelle Antwort wäre falsch – in beide Richtungen. Wenn Bedeutung im Gebrauch liegt, lässt sich Verstehen nicht einfach in ein Inneres verlegen, das der Maschine fehlt.
Und doch bleibt ein Unterschied. KI erzeugt Sprache, Kombinationen und Möglichkeiten. Der Mensch steht in etwas: in einem Körper, in einer Biografie, in Beziehungen, in Verletzlichkeit, in Folgen, in Verantwortung.
Wer morgen mit den Konsequenzen seiner Sätze lebt, gebraucht Sprache anders als ein System, das keine Konsequenzen trägt.
Die KI eröffnet Möglichkeiten.Der Mensch schafft Bedeutung.
Generative KI kann überzeugende Sprache schneller erzeugen, als sich gelebte Praxis verändern kann. Das ist die eigentliche Verschiebung.
Ein perfektes Manifest. Ein stimmiges Purpose Statement. Eine schlüssige Innovationsstrategie. Eine sorgfältig formulierte Ethik-Richtlinie. All das beweist nicht, dass sich etwas geändert hat.
Die Sprache läuft der Wirklichkeit voraus. Und weil sie so gut klingt, hält man sie leicht für die Wirklichkeit.
Was geschieht jetzt anders?
Wittgenstein und der Homo Innovaticus treffen sich in einem Misstrauen gegen die glatte Erklärung – und in einem Vertrauen auf reflektierte Praxis: Handeln, das sich selbst beobachtet.
Beide rechnen mit implizitem Wissen: mit einem Können, das mehr weiß, als es sagen kann. Beide lernen an Beispielen statt an Systemen.
Der Homo Innovaticus ist damit keine Theorie, die man glaubt. Er ist eine Lebensform, die sich in Zusammenarbeit, Entscheidungen und Verantwortung zeigt – oder die leer bleibt.
01 Homo Faber fragt nach dem Machen. 02 Siddhartha fragt nach dem Werden. Dieser dritte Dialog fragt nach dem Leben: nach der Praxis, in der sich beides bewährt.
Editorische Dialogführung – keine wörtlichen Zitate Ludwig Wittgensteins.
Was bedeutet ein Begriff?
Was verändert er in unserem Handeln?
Sieh auf den Gebrauch.
Sieh auf die Praxis.
Eine Regel zeigt sich in ihrer Anwendung.
Eine Haltung zeigt sich in Entscheidungen, Beziehungen und Verantwortung.
Nicht was wir über den Menschen behaupten, entscheidet.Sondern wie wir miteinander leben.
Woran erkennt man, ob ein Menschenbild wirklich gelebt wird? Und wie spricht man über etwas, das sich vor allem im Tun zeigt, ohne es sofort in eine neue Formel zu verwandeln?
Es gibt dafür keinen Test, der von außen entscheidet. Aber es gibt Fragen, die man sich ehrlich stellen kann.
Wenn wir von Offenheit sprechen:
Sind wir offen, wenn jemand unseren Überzeugungen widerspricht?
Wenn wir von Serendipity sprechen:
Lassen wir wirklich Überraschungen zu?
Wenn wir von Beziehung sprechen:
Teilen wir tatsächlich Gestaltungsmacht?
Wenn wir von Verantwortung sprechen:
Übernehmen wir sie auch dann, wenn sie unbequem wird?
Wenn wir von Humanität im KI-Zeitalter sprechen:
Welche Entscheidungen würden wir deshalb anders treffen?
Sind wir selbst noch bereit,uns verändern zu lassen?
Vielleicht braucht der Homo Innovaticus keine immer vollkommenere Definition. Vielleicht braucht er Menschen, die ausprobieren, was dieser Gedanke in ihrem wirklichen Leben bedeutet.
Vielleicht muss der Homo Innovaticus nicht zuerst definiert werden.Vielleicht muss er gelebt werden.
Großer Dialog 03 · Atelier Homo Innovaticus
Hannes Erler