Brief an unsere Zeit · 03

Vielleicht sollten wir
weniger arbeiten –
aber mehr gestalten

Über Thomas Piketty, künstliche Intelligenz und die Frage, was wir mit gewonnener Lebenszeit anfangen.

Hannes ErlerTexteAtelier Homo Innovaticus

Manchmal beginnt ein Gedanke mit einer Zahl. Thomas Piketty und der Global Justice Report schlagen vor, die jährliche bezahlte Arbeitszeit langfristig deutlich zu senken – und zugleich mehr gesellschaftliche Tätigkeit in Bildung, Gesundheit und weniger materialintensive Bereiche zu verlagern.

Wichtig ist: Diese Zahlen sind Szenario- und Vorschlagswerte, keine Prognosen. Weltweit geht der Bericht von rund 2.100 Stunden bezahlter Arbeit pro Erwerbstätigem und Jahr heute auf etwa 1.000 Stunden im Jahr 2100 aus; für Europa nennt Piketty grob 1.500 Stunden heute, ebenfalls mit dem Ziel von etwa 1.000. Der Anteil der globalen Arbeitsstunden, die Bildung und Gesundheit gewidmet sind, soll dabei von 11 auf 43 Prozent steigen.

Man kann über jede dieser Zahlen streiten. Aber die eigentliche Frage liegt dahinter.

Was würden wir
mit der gewonnenen
Zeit tun?

Die Frage hinter dem Fortschritt

Technologie verspricht seit Jahrhunderten Produktivität: mehr Ergebnis mit weniger Aufwand. Künstliche Intelligenz setzt dieses Versprechen nun möglicherweise auch bei kognitiver Arbeit fort – sie komprimiert Analyse, Recherche, Entwurf, Übersetzung.

Aber vielleicht fragen wir falsch, wenn wir nur fragen, wie viel mehr wir damit produzieren können. Die erwachsenere Frage lautet: Wie viel Lebenszeit kann uns zurückgegeben werden?

Arbeit ist dabei nicht der Feind. Sinnvolle bezahlte Arbeit kann zutiefst menschlich sein: Sie verbindet uns mit anderen, gibt Struktur, lässt uns etwas beitragen, das größer ist als wir selbst.

Nur: Unsere Kultur setzt „Arbeit“ zu eng gleich mit bezahlter Erwerbsarbeit. Und genau darin liegt der Denkfehler, auf den dieser Brief zielt.

Eine Technologie, die uns Zeit spart, aber keine Zeit zurückgibt, hat unser Leben noch nicht verbessert.

Vielleicht brauchen wir
nicht weniger Tätigkeit.
Sondern einen größeren Begriff davon,
was sinnvolle Tätigkeit ist.

Zentraler Gedanke

Vier Formen von Arbeit –
und ein anderer Begriff
von Wohlstand

Erste Form

Arbeit, von der ich lebe

Erwerbsarbeit

Bezahlte Arbeit bleibt notwendig und wichtig. Sie sichert unser materielles Leben, unsere Unabhängigkeit, unsere Würde. Nichts in diesem Brief will sie geringschätzen.

Aber sie sollte nicht automatisch den größten Teil unseres wachen Lebens beanspruchen. Die politische Schlüsselfrage lautet:

Muss jeder Produktivitätsgewinn wieder in noch mehr Produktion übersetzt werden?

Vielleicht kann ein Teil des Produktivitätsgewinns auch Zeit werden. Zeit, die nicht „gewonnen“ ist, weil sie mehr Konsum ermöglicht – sondern weil sie mehr Leben ermöglicht.

Zweite Form

Arbeit für die, mit denen ich lebe

Sorge- und Beziehungsarbeit

Kinder, die aufwachsen. Partnerinnen und Partner. Alternde Eltern. Freundschaften, die gepflegt werden wollen. Zuhören. Nachbarschaft. Versöhnung. Anwesenheit, wenn jemand sie braucht.

All das ist Arbeit – nur eben keine, die auf einer Gehaltsabrechnung erscheint. Und doch trägt sie unsere Gesellschaft ebenso wie jede Brücke oder jede Straße:

Menschliche Beziehungen sind ebenfalls Infrastruktur.

Man könnte sie soziale Infrastrukturarbeit nennen: die dauernde, unspektakuläre, unverzichtbare Arbeit, durch die Menschen füreinander da sind. Wenn sie zusammenbricht, merkt es jeder. Solange sie trägt, spricht niemand darüber.

Dritte Form

Arbeit für die Welt, in der wir leben

Gesellschaftliche Beitragsarbeit

Ehrenamt, Vereine, Feuerwehren, Kultur, Musik, Theater, Kirchen, Sport, Jugendarbeit, soziale Initiativen, Naturschutz, Kommunalpolitik, Nachbarschaft, Zivilgesellschaft. Die unscheinbare Arbeit, durch die eine Gesellschaft mehr ist als die Summe ihrer Arbeitsverträge.

Dahinter steht eine unbequeme Frage:

Haben Menschen überhaupt noch Zeit, Bürger zu sein?

Demokratie ist kein Selbstläufer und kein Zuschauersport. Eine Demokratie braucht Menschen, die Zeit für das Gemeinsame haben.

Vierte Form

Arbeit an dem Menschen, der ich werde

Schöpferische, persönliche und spirituelle Entwicklungsarbeit

Lesen. Lernen. Musik. Kontemplation. Tagträumen. Meditation. Gebet. Schreiben. Natur. Kunst. Philosophie. Körperliche Entwicklung. Stille. Gewissen. Sinn.

Man könnte das Arbeit an der eigenen Menschlichkeit nennen. Damit ist keine Selbstoptimierung gemeint – kein weiterer Wettkampf, diesmal gegen das eigene Ich. Und es ist keine verordnete Religion. Gemeint ist die Kultivierung dessen, was einen Menschen überhaupt erst handlungsfähig macht: Urteilskraft, Sinn, Gewissen, Verbundenheit, Verantwortung.

Eine Gesellschaft, die diese Arbeit überflüssig macht, wird nicht freier. Sie wird dünner.

Ein anderer Wohlstandstest

Habe ich genügend Erwerbsarbeit, um materiell sicher leben zu können?

Habe ich genügend Beziehungszeit, um die Menschen, die mir wichtig sind, nicht zu verlieren?

Habe ich genügend Beitragszeit, um an meiner Gesellschaft mitzuwirken?

Habe ich genügend Entwicklungszeit, um selbst nicht stehen zu bleiben?

Die vier Formen menschlicher Arbeit
in ein besseres Verhältnis bringen.

Von der Arbeitszeit zur Lebenszeit

Wenn Wohlstand nicht mehr nur als Einkommen gedacht wird, sondern als ein gutes Verhältnis der vier Formen von Arbeit, verändern sich auch die politischen Fragen.

Wie würde eine Gesellschaft aussehen, die Sorgezeit ebenso selbstverständlich schützt wie Arbeitszeit? Elternzeit, die wirklich beiden Eltern offensteht? Bildungszeit und Sabbaticals, die nicht Karrierebrüche sind, sondern Teil eines normalen Lebensverlaufs? Ehrenamt, das nicht auf Menschen zählt, die ohnehin schon zu viel arbeiten? Kulturelle Tätigkeit, bürgerschaftliches Engagement und lebenslanges Lernen als erwünschte Normalität?

Dieser Brief ist kein Parteiprogramm. Er ist eher das, was man eine gesellschaftliche Versuchsanordnung nennen könnte: eine Einladung, diese Fragen ernst zu nehmen, bevor die Technik sie uns von selbst beantwortet.

Wem gehört die Produktivitätsdividende der AI?

Wenn künstliche Intelligenz Arbeit produktiver macht, entsteht ein Gewinn. Die offene Frage ist, wem er gehört: nur den Eigentümern der Technologie? Den Unternehmen, den Aktionären, den Konsumenten, dem Staat? Oder auch den Menschen, deren Arbeit produktiver wird?

Dafür lohnt sich ein eigener Begriff: die Zeitdividende – der Teil des Produktivitätsgewinns, der nicht in mehr Output, sondern in mehr Lebenszeit zurückfließt.

AI-Dividende
→ Zeitdividende
→ Gestaltungszeit

Ein Teil dieses Produktivitätsgewinns gehört zurück ins Leben.

Das wäre eine Politik des Homo Innovaticus

Keine Partei. Keine Ideologie. Kein fertiges Programm. Sondern eine Denk- und Versuchsanordnung, die eine Gesellschaft auf vier Fundamente stellt:

01

Ein materielles Fundament

Erwerbsarbeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit – als Basis, nicht als Selbstzweck.

02

Ein soziales Fundament

Familie, Sorge, Beziehungen, Gemeinschaft – die Infrastruktur, die niemand bezahlt und jeder braucht.

03

Ein demokratisches und kulturelles Fundament

Ehrenamt, Zivilgesellschaft, Kultur, Teilhabe – die Zeit, Bürger zu sein.

04

Menschliche Entwicklung

Bildung, Reflexion, Kreativität, Spiritualität, Reifung – die Arbeit an der eigenen Menschlichkeit.

Freiheit braucht Infrastruktur

Gewonnene Zeit entfaltet sich nicht im Leeren. Sie braucht Orte, an denen aus freier Zeit freies Leben werden kann: Bibliotheken, Vereine, Musikschulen, Werkstätten, Universitäten, Erwachsenenbildung, Kirchen und spirituelle Räume, Kulturhäuser, offene Plätze, Natur, Bürgerinitiativen, Ateliers.

Diese Infrastrukturen sind keine Weichheit und kein Luxus. Sie sind das, was aus formaler Freiheit gelebte Freiheit macht.

Eine Gesellschaft kann Freiheit ermöglichen. Sinn kann sie nicht verordnen.

Und genau deshalb bleibt die letzte Verantwortung beim Menschen: Keine Bibliothek liest für uns. Kein Prozess gestaltet für uns. Sie eröffnen Möglichkeiten – gehen müssen wir sie selbst.

Der Weg des Homo Innovaticus lässt sich als eine kleine Schule im Umgang mit diesem Gestaltungsspielraum lesen: Öffnen – Ausrichten – Begegnen – Handeln. Eine Navigation durch die Frage, was man mit gewonnener Freiheit anfängt.

Weniger Erwerbsarbeit ist noch kein menschlicher Fortschritt.

Mehr freie Zeit allein auch nicht.

Aber eine Gesellschaft, die Zeit für Beziehung, Gemeinwohl, Entwicklung und schöpferisches Handeln ermöglicht, könnte einen Schritt weiter sein.

Was würden Sie mit 500 Stunden
zurückgewonnener Lebenszeit tun?

Brief an unsere Zeit · 03
Atelier Homo Innovaticus
Hannes Erler

Quellenhinweise

„Wie retten wir die Welt, Herr Piketty? Indem wir weniger arbeiten.“ Interview mit Thomas Piketty, Der Standard, 22. August 2026.

Global Justice Report – Summary, World Inequality Lab.

Global Justice Report – Kapitel 1, World Inequality Lab.

Brief an unsere Zeit · 03 · Vielleicht sollten wir weniger arbeiten