Gezieltes, geführtes, temporäres und hinführendes Tagträumen
Wie wir unsere Vorstellungskraft bewusst kultivieren und für die Gestaltung der Zukunft nutzen können
Hannes Erler | Atelier Homo Innovaticus

Wir Menschen besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit: Wir können uns etwas vorstellen, das noch nicht existiert.
Wir können unsere Gedanken wandern lassen, Erinnerungen mit neuen Vorstellungen verbinden und Möglichkeiten entdecken, die uns im rationalen, zielgerichteten Denken vielleicht verborgen geblieben wären.
Oft geschieht dies ganz von selbst. Beim Spazierengehen, im Zug, beim Betrachten einer Landschaft oder in jenen stillen Momenten, in denen wir unseren Gedanken freien Lauf lassen.
Wir nennen es Tagträumen.
Doch was wäre, wenn wir lernen könnten, diese Fähigkeit bewusst zu nutzen? Nicht um unsere Gedanken stärker zu kontrollieren, sondern um ihnen gezielt einen geschützten Raum zu eröffnen?
Und was wäre, wenn wir dabei die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz nutzen könnten, um unsere Vorstellungskraft zu erweitern, ohne unsere Eigenständigkeit zu verlieren?
Diesen Fragen widmen wir uns im Atelier Homo Innovaticus.
Eine neue Praxis der Vorstellungskraft
Aus meiner Arbeit am Homo Innovaticus und seinem MVIP-Prozess ist ein methodischer Ansatz entstanden, den ich Guided Serendipitous Daydreaming nenne: geführtes schöpferisches Tagträumen.
Vier Eigenschaften kennzeichnen diese Methode.
Gezielt: Wir beginnen mit einer persönlichen Frage, einer Sehnsucht, einer Herausforderung oder einer noch unbestimmten Zukunftsvorstellung. Wir öffnen damit einen Suchraum, ohne bereits zu wissen, wohin er führen wird.
Geführt: Ein menschlicher Begleiter oder eine entsprechend eingesetzte KI kann Impulse geben, Fragen stellen und neue Perspektiven eröffnen. Dabei gilt ein entscheidender Grundsatz: Wir führen den Prozess, nicht die Gedanken.
Temporär: Wir schaffen einen zeitlich begrenzten, geschützten Möglichkeitsraum. In ihm dürfen Gedanken frei entstehen, ohne sofort an Machbarkeit, Nutzen oder Erfolg gemessen zu werden.
Hinführend: Wir kehren bewusst aus diesem Möglichkeitsraum zurück. Wir betrachten die entstandenen Bilder, wählen bedeutsame Einsichten aus und fragen, welche Konsequenzen sie für unser Denken und Handeln haben könnten.
So wird aus einer häufig zufälligen inneren Erfahrung eine wiederholbare Praxis schöpferischer Selbstentwicklung.
Die Rolle Künstlicher Intelligenz
Generative KI kann dabei zu einem faszinierenden Begleiter werden.
Sie kann unsere zunächst vagen Vorstellungen in Bilder verwandeln, neue Perspektiven anbieten und unerwartete gedankliche Verbindungen anregen.
Entscheidend ist jedoch die Reihenfolge.
Zuerst sollte der Mensch seine eigenen Vorstellungen entwickeln. Danach kann KI überraschende Impulse hinzufügen. Schließlich entscheidet wieder der Mensch, welche Vorstellungen für ihn Bedeutung besitzen.
Denn KI soll unsere Vorstellungskraft nicht ersetzen. Sie soll uns helfen, unseren eigenen Möglichkeitsraum zu erweitern.
Die Bedeutung einer Zukunftsvorstellung, ihre Verbindung mit unseren Werten und die Verantwortung für ihre Verwirklichung bleiben menschliche Aufgaben.
Vom inneren Bild zur gemeinsamen Veränderung
Tagträumen allein verändert noch nicht unsere Wirklichkeit.
Wir können wunderbare Zukunftsbilder entwickeln und dennoch in ihnen verharren. Deshalb braucht die persönliche Vorstellungskraft einen Entwicklungsweg, der uns wieder in die soziale Wirklichkeit zurückführt.
Diesen Weg beschreibt der Minimum Viable Innovation Process, kurz MVIP, der aus den Erfahrungen und Erkenntnissen meines Buches The Innovation Tribe hervorgegangen ist.
Seine vier Schritte begleiten uns von der ersten Vorstellung bis zur Umsetzung:
- AI & Serendipity – Dream & Play: Eigene Möglichkeiten entdecken und die Vorstellungskraft öffnen.
- Vision & Alliance: Aus persönlichen Einsichten eine Richtung entwickeln und erste Verbündete finden.
- Collaborative Open Space: Vorstellungen mit anderen teilen, weiterentwickeln und gemeinsame Vorhaben gestalten.
- Orchestrated Change: Verantwortung übernehmen, konkrete Schritte setzen und aus Erfahrungen lernen.
Damit entsteht ein wiederholbarer Entwicklungskreislauf.
Wir lernen, unsere Gedanken bewusst zu öffnen, mit anderen Menschen in Verbindung zu bringen und aus diesen Begegnungen neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Eine Fähigkeit für das persönliche und berufliche Leben
Diese Kompetenz kann Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen unterstützen.
Jugendliche können eigene Zukunftsvorstellungen erkunden, Erwachsene neue Lebensperspektiven entwickeln und Menschen in Veränderungsphasen ihre Handlungsmöglichkeiten neu entdecken.
Ebenso bedeutsam ist sie für das Berufsleben und insbesondere für professionelle Innovationsmanagerinnen und Innovationsmanager.
Wer gelernt hat, die eigene Vorstellungskraft bewusst zu kultivieren, kann mit eigenständigen Ideen, einer reflektierten Haltung und neuen Lösungsperspektiven in sein berufliches Umfeld eintreten.
Dabei geht es nicht darum, die eigene Meinung gegen andere durchzusetzen. Vielmehr soll die Fähigkeit wachsen, einen selbstständigen schöpferischen Beitrag zu leisten und ihn zugleich offen in einen gemeinschaftlichen Innovationsprozess einzubringen.
Persönliche Kreativität und kollektive Intelligenz sind keine Gegensätze. Richtig miteinander verbunden, können sie sich gegenseitig verstärken.
Die persönliche Werkstatt der Selbstentwicklung
Unser Ziel im Atelier ist es, aus dem geführten Tagträumen eine erlernbare und selbstständig anwendbare Fähigkeit zu entwickeln.
Eine Fähigkeit, zu der wir immer wieder zurückkehren können, wenn neue Fragen entstehen, vertraute Wege nicht mehr weiterführen oder wir uns eine andere Zukunft vorstellen möchten.
Wir betreten unseren inneren Möglichkeitsraum, erkunden neue Perspektiven, gewinnen Orientierung und kehren mit neuen Gedanken in unser Leben zurück.
Von dort führt der MVIP weiter – zur Begegnung mit anderen Menschen, zur gemeinsamen Entwicklung und schließlich zum verantwortlichen Handeln.
So kann das Tagträumen vom zufälligen Gedankenwandern zu einer bewusst kultivierten Kompetenz des Homo Innovaticus werden.
Vielleicht liegt eine der großen Chancen der Künstlichen Intelligenz nicht allein darin, dass Maschinen immer mehr Aufgaben für uns übernehmen.
Vielleicht liegt sie auch darin, dass wir beginnen, unsere eigenen schöpferischen Fähigkeiten wiederzuentdecken und weiterzuentwickeln.
Denn die Zukunft wird nicht allein durch neue Technologien gestaltet.
Sie wird von Menschen gestaltet, die fähig sind, sich eine andere Zukunft vorzustellen – und bereit sind, gemeinsam an ihrer Verwirklichung zu arbeiten.