Vom Tagträumen zur Gestaltung des eigenen Lebens
Wie Gehirnforschung, Künstliche Intelligenz und der Homo Innovaticus einen neuen Weg der menschlichen Selbstentwicklung eröffnen
Hannes Erler | Atelier Homo Innovaticus

Die unterschätzte Kraft unserer inneren Bilder
Wann haben wir zuletzt unseren Gedanken erlaubt, frei zu wandern? Ohne Auftrag, ohne unmittelbares Ziel, ohne die Erwartung, sofort ein Ergebnis liefern zu müssen?
Wir Menschen besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit: Wir können uns eine Welt vorstellen, die noch nicht existiert. Wir können Vergangenes neu zusammensetzen, Möglichkeiten erkunden, ungewöhnliche Verbindungen herstellen und uns selbst in einer anderen Zukunft erleben.
Diese Fähigkeit begleitet uns seit unserer Kindheit. Wir nennen sie Fantasie, Vorstellungskraft oder auch Tagträumen.
Doch in einer Welt, in der digitale Medien ständig um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren und Künstliche Intelligenz auf nahezu jede Frage sofort eine Antwort anbietet, bekommt diese Fähigkeit eine neue Bedeutung.
Vielleicht besteht eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen gerade darin, wieder zu lernen, unsere eigenen inneren Möglichkeitsräume bewusst zu betreten, zu erkunden und aus ihnen gestärkt zurückzukehren.
Das Atelier Homo Innovaticus beschäftigt sich mit dieser Frage im ersten Entwicklungsschritt seines Minimum Viable Innovation Process (MVIP): AI & Serendipity – Dream & Play.
Dahinter steht eine einfache, aber weitreichende Überlegung: Wir können unsere Vorstellungskraft nicht nur dem Zufall überlassen. Wir können lernen, sie zu kultivieren und in die Entwicklung unserer Persönlichkeit und unserer gemeinsamen Zukunft einzubringen.
1. Was uns die moderne Forschung über das Tagträumen verrät
Eine im Oktober 2026 veröffentlichte Studie des Psychologen David D. Preiss und seiner Kollegen liefert dazu einen bemerkenswerten Impuls.
Die Wissenschaftler untersuchten 405 Jugendliche in Chile und erforschten die Zusammenhänge zwischen Tagträumen, Achtsamkeit, spielerischem Denken und kreativen Leistungen.
Das Ergebnis: Jugendliche, die häufiger tagträumten, erzielten bei vier von fünf untersuchten Kreativitätsaufgaben bessere Ergebnisse.
Doch die eigentliche Bedeutung dieser Studie liegt in einer wichtigen Differenzierung.
Tagträumen ist nicht gleich Tagträumen.
Emotional gefärbtes Gedankenwandern – selbst solches mit positiven Inhalten – zeigte bei bestimmten sprachlichen Kreativitätsaufgaben negative Zusammenhänge. Achtsamkeit wiederum war bei einer Aufgabe positiv mit Kreativität verbunden, in der Ideen bewertet und integriert werden mussten. Auch spielerisches Denken erwies sich nicht grundsätzlich als förderlich: Entscheidend war unter anderem, ob es sich um eine intellektuell erkundende Form des Spielens handelte.
Die Studie zeigt Zusammenhänge, keine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Sie beweist weder, dass sich durch angeleitetes Tagträumen Kreativität steigern lässt, noch dass eine solche Praxis persönliche Entwicklung auslöst.
Aber sie eröffnet eine interessante Frage:
Können wir lernen, zwischen schöpferischem Gedankenwandern, emotionalem Kreisen und bewusster Reflexion zu unterscheiden – und diese Fähigkeiten gezielt miteinander verbinden?
Genau hier setzt die Entwicklungsidee des Homo Innovaticus an.
2. Was in unserem Gehirn geschieht
Die moderne Neurowissenschaft hat unser Verständnis kreativer Denkprozesse wesentlich erweitert.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das sogenannte Default Mode Network (DMN), ein Netzwerk verschiedener Hirnregionen, das unter anderem mit autobiografischem Erinnern, innerer Vorstellung, mentalen Zukunftssimulationen und selbstbezogenem Denken in Verbindung steht.
Wenn wir uns an Erlebnisse erinnern, mögliche Zukünfte ausmalen oder Gedanken frei miteinander verknüpfen, können Teile dieses Netzwerks beteiligt sein.
Doch Kreativität entsteht nicht einfach dadurch, dass das DMN besonders aktiv ist.
Untersuchungen, unter anderem von Roger Beaty und Kollegen, weisen auf das Zusammenwirken mehrerer Netzwerke hin. Neben dem DMN sind dabei besonders Netzwerke der kognitiven Kontrolle und der Erkennung bedeutsamer Informationen relevant.
Vereinfacht gesprochen ermöglichen diese Prozesse unterschiedliche Leistungen:
Das Gehirn kann zunächst Erfahrungen, Erinnerungen und Vorstellungen frei miteinander verbinden. Anschließend können interessante Verbindungen erkannt, weiterentwickelt, geprüft oder verworfen werden.
Diese Prozesse sind nicht streng voneinander getrennt. Sie können ineinandergreifen und sich wechselseitig beeinflussen.
Darin liegt eine faszinierende Erkenntnis:
Schöpferische Entwicklung benötigt sowohl Freiheit als auch bewusste Führung.
Wer nur kontrolliert, findet möglicherweise zu wenig Neues. Wer ausschließlich frei assoziiert, findet möglicherweise keine tragfähige Richtung.
Für den Homo Innovaticus entsteht daraus ein wichtiges Prinzip: Nicht das endlose Produzieren von Gedanken ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, zwischen Offenheit und Orientierung zu wechseln.
3. Künstliche Intelligenz als Begleiter unserer Vorstellungskraft
Mit generativer KI tritt nun eine neue Möglichkeit hinzu.
Erstmals steht vielen Menschen ein Werkzeug zur Verfügung, das auf sprachliche Anregungen hin Bilder, Geschichten, Perspektiven und ungewöhnliche Kombinationen erzeugen kann.
Ein Mensch kann eine zunächst vage Vorstellung formulieren und sie durch KI in unterschiedliche Bilder übersetzen lassen.
Er kann sich eine mögliche Zukunft zeigen lassen, Alternativen vergleichen oder Perspektiven erkunden, auf die er allein vielleicht nicht gekommen wäre.
Damit entsteht eine neue Form des Dialogs zwischen innerer Vorstellung und äußerem Impuls.
Die entscheidende Frage ist jedoch, wer in diesem Dialog die schöpferische Richtung bestimmt.
Forschungsarbeiten zeigen, dass KI-Unterstützung kreative Aufgaben erleichtern kann, aber auch Risiken birgt. Beispielsweise können KI-generierte Bilder zu einer Fixierung auf vorgegebene Lösungsformen beitragen. Bei anderen kreativen Aufgaben wurden bessere individuelle Ergebnisse beobachtet, während die Vielfalt der Gesamtergebnisse abnahm.
Die Aufgabe kann deshalb nicht darin bestehen, den Menschen mit immer mehr KI-Bildern zu versorgen.
Wir sollten vielmehr lernen, KI so einzusetzen, dass sie unsere eigene Vorstellungskraft herausfordert und erweitert.
Das bedeutet:
Zuerst kommt die eigene Frage. Dann entsteht Raum für eigene Vorstellungen. Erst danach werden durch KI überraschende Bilder oder alternative Perspektiven hinzugefügt.
Der Mensch entscheidet, welche davon Bedeutung haben, welche ihn berühren und welche er bewusst zurückweist.
KI wird damit nicht zum Autor unseres inneren Lebens, sondern zu einem Werkzeug, das neue Begegnungen zwischen Vorstellungen ermöglichen kann.
Die KI erweitert den Raum der Möglichkeiten. Der Mensch bleibt verantwortlich für deren Bedeutung.
4. Gezieltes, geführtes, temporäres und hinführendes Tagträumen
Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse bestärken mich darin, den ersten Entwicklungsschritt meines MVIP-Prozesses zu einer bewusst anwendbaren Methode weiterzuentwickeln. Ich bezeichne diesen Ansatz als Guided Serendipitous Daydreaming – geführtes schöpferisches Tagträumen.
Seine vier Eigenschaften bilden den Kern der Methode.
Gezielt: Am Anfang steht eine persönliche Frage. Sie muss noch keine klare Zielvorstellung enthalten. Es kann um das eigene Leben, eine Beziehung, eine berufliche Zukunft oder eine gesellschaftliche Herausforderung gehen. Die Frage eröffnet einen Suchraum, ohne das Ergebnis vorzugeben.
Geführt: Ein menschlicher Begleiter oder eine entsprechend gestaltete KI kann Fragen stellen, Impulse anbieten und Perspektiven öffnen. Die Führung betrifft aber den Prozess, nicht das erwünschte Ergebnis. Die Vorstellungskraft des Menschen soll nicht gelenkt oder ersetzt werden.
Temporär: Das Tagträumen erhält einen geschützten, zeitlich begrenzten Raum. Während dieser Zeit treten Bewertung, Leistungsdruck und unmittelbare Machbarkeitsforderungen in den Hintergrund. Danach erfolgt eine bewusste Rückkehr zur Reflexion.
Hinführend: Die gewonnenen Bilder werden nicht einfach gesammelt. Der Mensch fragt, welche davon etwas über seine eigenen Wünsche, Fähigkeiten, Werte oder Veränderungsmöglichkeiten aussagen. Daraus können erste Richtungen für seine weitere Entwicklung entstehen.
Die Besonderheit liegt in der Verbindung dieser vier Eigenschaften.
Wir wollen das Tagträumen weder vollständig kontrollieren noch dem Zufall überlassen.
Wir führen den Prozess, aber nicht die Gedanken.
Das bewusste Hinführen ist schließlich jener Schritt, der aus einer inneren Erfahrung den Anfang eines Entwicklungsweges machen kann.
5. Ein Beispiel: Wie Jugendliche ihre Zukunftsbilder entwickeln können
Stellen wir uns eine sechzehnjährige Schülerin vor, die sich mit ihrer Zukunft beschäftigt.
Sie spürt, dass die Welt sich verändert. Künstliche Intelligenz wird ihren späteren Beruf beeinflussen. Gleichzeitig weiß sie noch wenig darüber, was sie selbst wirklich interessiert und welche Rolle sie einmal übernehmen möchte.
Anstelle einer sofortigen Berufsberatung beginnt sie mit einer offenen Frage:
Wie möchte ich in zehn Jahren leben, lernen, arbeiten und mit anderen Menschen zusammenwirken?
Sie erhält zunächst Zeit, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen.
Vielleicht stellt sie sich einen Ort vor, an dem Menschen gemeinsam etwas entwickeln. Vielleicht tauchen Bilder von Natur, Technik, Gemeinschaft oder einer Tätigkeit auf, die sie bisher nie ernsthaft in Betracht gezogen hat.
Erst danach tritt KI hinzu.
Sie erhält den Auftrag, drei unterschiedliche Zukunftsbilder anzubieten: eines, das die ursprünglichen Vorstellungen aufgreift, eines, das bewusst überrascht, und eines, das einen deutlichen Gegensatz dazu bildet.
Die Schülerin betrachtet diese Bilder und fragt sich, was sie darin anspricht – und was nicht.
Dann wird der Bildschirm wieder geschlossen.
Jetzt geht es nicht mehr um die Bilder der KI, sondern um ihre eigenen Gedanken.
Was davon ist wirklich meine Vorstellung? Was hat mich überrascht? Was möchte ich weiter erkunden?
Vielleicht entdeckt sie, dass ihr die Arbeit in einer Gemeinschaft besonders wichtig ist. Vielleicht erkennt sie auch, dass eine scheinbar attraktive technische Zukunft nicht zu ihrem eigenen Lebensgefühl passt.
Beides wäre ein wertvolles Ergebnis.
An dieser Stelle ist noch keine Entscheidung über ihre berufliche Zukunft gefallen. Aber es könnte ein erster bewusster Entwicklungsschritt stattgefunden haben.
Sie hat sich selbst als jemanden erlebt, der eigene Zukunftsbilder entwickeln, hinterfragen und verändern kann.
Und sie hat eine Methode kennengelernt, zu der sie später wieder zurückkehren kann.
6. Warum Tagträumen allein noch keine Entwicklung garantiert
Hier gelangen wir zu einer entscheidenden Grenze.
Ein inneres Zukunftsbild ist noch keine verwirklichte Zukunft.
Selbst ein starkes, emotional berührendes Erlebnis führt nicht automatisch zu einer dauerhaften Veränderung unseres Lebens.
Wenn wir eine Zukunft nur immer wieder imaginieren, ohne sie mit unserer Wirklichkeit in Verbindung zu bringen, kann sie eine schöne, aber folgenlose Vorstellung bleiben.
Das bedeutet nicht, dass jedes Tagträumen eine praktische Leistung hervorbringen muss. Freie Fantasie besitzt einen eigenständigen Wert.
Wenn wir Tagträumen jedoch bewusst als Methode der Selbstentwicklung einsetzen wollen, benötigen wir einen weiteren Schritt.
Wir müssen beginnen, das Erlebte mit unserer tatsächlichen Lebenssituation zu verbinden.
Was bedeutet dieses Bild für mich? Welche meiner bisherigen Annahmen werden infrage gestellt? Was könnte ich tatsächlich verändern? Welche Hindernisse bestehen? Und was möchte ich als Nächstes ausprobieren?
Auch die psychologische Forschung zur Selbstregulation weist darauf hin, dass die Verbindung einer erwünschten Zukunft mit realen Hindernissen und konkreten Handlungsabsichten die Zielverfolgung unterstützen kann.
Das ist eine wichtige Ergänzung zur Kreativitätsforschung.
Es genügt nicht, sich eine andere Zukunft vorzustellen. Wir müssen lernen, zwischen dem Möglichen und dem Machbaren eine verantwortliche Verbindung herzustellen.
Im Homo Innovaticus übernimmt diese Aufgabe der weitere MVIP-Prozess.
7. Vision & Alliance – wenn aus inneren Bildern soziale Möglichkeiten entstehen
Nach dem geschützten Raum des Tagträumens beginnt die zweite Insel der MVIP-Visionsreise: Vision & Alliance.
Hier verändert sich der Charakter des Entwicklungsprozesses.
Aus der zunächst persönlichen Vorstellung entwickelt sich eine Frage, die auch andere Menschen betreffen und interessieren kann.
Der Mensch beginnt, seine Gedanken mitzuteilen, Rückmeldungen aufzunehmen und nach möglichen Verbündeten zu suchen.
Für die Schülerin aus unserem Beispiel könnte dies bedeuten, dass sie mit Mitschülern, Lehrpersonen oder Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern über ihre Vorstellungen spricht.
Sie entdeckt möglicherweise, dass andere ähnliche Fragen bewegen. Vielleicht begegnet sie aber auch ganz anderen Sichtweisen.
Gerade darin liegt eine neue Entwicklungschance.
Denn eine persönliche Vision wird durch den Austausch mit anderen nicht nur bestätigt. Sie kann erweitert, verändert oder auch grundlegend infrage gestellt werden.
Der Homo Innovaticus sucht daher nicht bloß Zustimmung zu seinen Ideen. Er sucht Begegnungen, die sein Denken bereichern.
So entsteht aus einer individuellen Zukunftsvorstellung allmählich ein gemeinsames Anliegen.
Die innere Vorstellungskraft findet Anschluss an die soziale Wirklichkeit.
8. Die generative Gruppe – aus individueller Vorstellungskraft wird gemeinsame Schöpfung
In der dritten Insel, dem Collaborative Open Space, kann diese Entwicklung eine neue Qualität erreichen.
Menschen kommen in einem offenen, vertrauensvollen Raum zusammen. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen, Fragen, Fähigkeiten und Interessen ein.
Eine solche Gemeinschaft lässt sich als generative Gruppe verstehen: nicht als geschlossener Kreis von Gleichgesinnten, sondern als Zusammenspiel verschiedener Menschen, aus dem neue Möglichkeiten entstehen können.
Einzelne Zukunftsbilder werden miteinander verbunden, kritisch geprüft und weiterentwickelt.
Hier kommt jene soziale Dimension zum Tragen, die in The Innovation Tribe eine zentrale Rolle spielt.
Innovation entsteht nicht nur aus einer besonderen Idee oder einer genialen Einzelperson. Sie wächst aus Beziehungen, Vertrauen, unterschiedlichen Kompetenzen und der Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
Das ist gerade für Jugendliche von Bedeutung.
Sie erfahren, dass ihre Vorstellungen ernst genommen werden können, dass sie etwas beitragen können und dass gemeinsames Handeln größere Möglichkeiten eröffnet als individuelles Nachdenken allein.
Aus dem persönlichen Tagtraum kann so ein gemeinsames Vorhaben entstehen.
Vielleicht entwickeln Jugendliche ein neues Lernformat, eine Initiative zur Gestaltung ihrer Schule oder ein Projekt, das Technik und menschliche Begegnung sinnvoll verbindet.
Ob solche Vorhaben tatsächlich gelingen, muss sich erst zeigen.
Entscheidend ist zunächst die Erfahrung, dass die eigene Vorstellungskraft in einem sozialen Prozess wirksam werden kann.
9. Orchestrated Change – die Vorstellung wird an der Wirklichkeit erprobt
Die vierte Insel des MVIP führt schließlich in die Umsetzung.
Nun müssen aus Visionen konkrete Vorhaben werden.
Menschen übernehmen Aufgaben, vereinbaren nächste Schritte, stellen Ressourcen bereit, treffen Entscheidungen und prüfen gemeinsam, welche ihrer Vorstellungen sich tatsächlich verwirklichen lassen.
Nicht jede Idee wird Bestand haben. Manche Versuche werden scheitern, andere müssen verändert werden.
Gerade diese Erfahrungen gehören zum Entwicklungsprozess.
Denn die Wirklichkeit antwortet auf unsere Vorstellungen. Sie zeigt uns Grenzen, eröffnet neue Möglichkeiten und liefert Erkenntnisse, die wir durch bloßes Nachdenken nicht gewinnen könnten.
Hier schließt sich ein wichtiger Kreis.
Eine neue Erfahrung kann wiederum zum Ausgangspunkt eines neuen Tagtraums werden.
Wir kehren in den inneren Möglichkeitsraum zurück, diesmal jedoch mit erweiterten Erfahrungen, neuen Beziehungen und einem veränderten Verständnis unserer selbst.
So entsteht ein wiederholbarer Kreislauf aus Vorstellung, Reflexion, Begegnung, Handlung und Lernen.
Nicht der einmalige kreative Einfall ist das Ziel, sondern ein Mensch, der zunehmend fähig wird, seine eigene Entwicklung bewusst mitzugestalten.
10. Eine neue persönliche Kompetenz: Die Werkstatt der Selbstentwicklung
Der vielleicht wichtigste Gedanke dieser Methode liegt in ihrer Wiederholbarkeit.
Wir möchten das geführte Tagträumen nicht als außergewöhnliches Erlebnis verstehen, für das man jedes Mal einen besonderen Workshop, einen Coach oder eine aufwendige Veranstaltung benötigt.
Es sollte vielmehr zu einer Fähigkeit werden, die Menschen kennenlernen, üben und schließlich selbstständig einsetzen können.
Wenn eine neue Frage auftaucht, wenn eine Entscheidung ansteht, wenn das Leben seine Richtung verändert oder wenn wir uns in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden, können wir bewusst in einen geschützten Möglichkeitsraum zurückkehren.
Wir können neue Vorstellungen entstehen lassen, KI als Anregung nutzen, unsere Gedanken reflektieren und daraus neue Schritte entwickeln.
Die Begleitung kann anfangs stärker sein und später zurücktreten. Die Autonomie des Menschen sollte dabei wachsen, nicht seine Abhängigkeit von einem digitalen Werkzeug.
Gerade im Umgang mit Jugendlichen ist es wichtig, Offenheit, Freiwilligkeit und einen respektvollen Umgang mit persönlichen Erfahrungen sicherzustellen. Nicht jeder innere Gedanke muss ausgesprochen oder mit einer Gruppe geteilt werden. Auch emotional belastendes Grübeln darf nicht mit einer produktiven Kreativitätsübung verwechselt werden.
Ziel ist es, eine gesunde, selbstbestimmte Form der inneren Exploration zu fördern.
So könnte aus einer zunächst angeleiteten Erfahrung schrittweise eine persönliche Kompetenz entstehen:
Die Fähigkeit, die eigene Vorstellungskraft bewusst zu öffnen, zu prüfen und in selbstbestimmtes Handeln zu überführen.
Der Mensch wird dadurch nicht unabhängig von anderen Menschen. Im Gegenteil: Er gewinnt eine stärkere Grundlage, sich mit ihnen zu verbinden und gemeinsam Zukunft zu gestalten.
Das ist ein wesentliches Anliegen des Homo Innovaticus.
11. Von der persönlichen Kreativität zur professionellen Innovationskompetenz
Diese Fähigkeit besitzt nicht nur für die persönliche Lebensgestaltung Bedeutung. Sie kann auch zu einer wertvollen Kompetenz im Berufsleben werden – ganz besonders für Menschen, die mit Innovation, Entwicklung und Veränderung beschäftigt sind.
In mehr als vier Jahrzehnten industrieller Innovationsarbeit habe ich immer wieder erlebt, dass hervorragende fachliche Qualifikationen allein nicht ausreichen, um Neues hervorzubringen.
Wer Innovation gestalten möchte, benötigt auch die Fähigkeit, selbstständig neue Möglichkeiten zu erkennen, eine eigene Meinung zu entwickeln und diese mit anderen Menschen in einen produktiven Austausch zu bringen.
Gerade in professionellen Innovationsteams treffen unterschiedliche Denkweisen aufeinander. Ingenieure, Designer, Forscher, Marketingexperten und Führungskräfte betrachten dieselbe Herausforderung häufig aus sehr verschiedenen Perspektiven.
Diese Vielfalt ist eine große Chance. Sie wird jedoch erst dann wirklich schöpferisch, wenn die Beteiligten nicht nur ihr Fachwissen einbringen, sondern auch den Mut und die innere Freiheit besitzen, eigene Vorstellungen zu entwickeln und gemeinsam weiterzudenken.
Das bewusst kultivierte Tagträumen könnte dafür eine zusätzliche persönliche Kompetenz bereitstellen.
Ein Innovationsmanager könnte sich beispielsweise vor einer wichtigen Entwicklungsbesprechung Zeit nehmen, um eine komplexe Herausforderung zunächst außerhalb der gewohnten betrieblichen Denkstrukturen zu betrachten.
Er entwickelt eigene Zukunftsbilder, lässt sich gegebenenfalls durch KI zu ungewöhnlichen Perspektiven anregen und reflektiert anschließend, welche Vorstellungen tatsächlich einen wertvollen Beitrag leisten könnten.
Damit betritt er die gemeinsame Diskussion nicht nur als Vertreter seiner Fachabteilung oder seiner organisatorischen Funktion, sondern als eigenständig denkender, schöpferischer Mensch.
Doch erst der nächste Schritt macht daraus professionelle Innovationsarbeit.
Seine Ideen müssen sich im Austausch mit anderen bewähren. Sie können ergänzt, verändert, verworfen oder zu einer gemeinsamen Vision weiterentwickelt werden.
Genau hier treffen sich die persönliche Entwicklung und der MVIP-Prozess.
Ein guter Innovationsmanager sollte nicht nur in der Lage sein, selbstständig neue Ideen zu entwickeln. Er sollte ebenso fähig sein, diese Ideen in eine gemeinsame Vorstellung und einen tragfähigen sozialen Veränderungsprozess einzubringen.
Eine eigene Meinung zu besitzen bedeutet dabei nicht, auf ihr zu beharren. Vielmehr geht es darum, einen fundierten persönlichen Beitrag zu leisten und gleichzeitig offen für die Erkenntnisse anderer zu bleiben.
Diese Verbindung von Eigenständigkeit und gemeinschaftlicher Entwicklung gehört zum Kern des Homo Innovaticus.
Sie erinnert mich an unsere Arbeit im i-LAB, in den Innovationsnetzwerken und später in den Innovation Ecosystems. Auch dort mussten wir immer wieder lernen, kreative Freiräume zu schützen und zugleich die unterschiedlichen Fähigkeiten der Beteiligten in einen verbindlichen Entwicklungsprozess einzubinden.
Für die Zukunft professioneller Innovationsarbeit könnte daraus eine wichtige Ergänzung entstehen:
Wir entwickeln nicht nur bessere Innovationsmethoden und leistungsfähigere KI-Werkzeuge. Wir investieren auch in Menschen, die ihre Vorstellungskraft bewusst kultivieren, ihre Gedanken eigenständig reflektieren und als verantwortliche Mitgestalter in ihren Teams und Organisationen wirksam werden können.
Damit wird persönliche Kreativität zu einer Quelle kollektiver Innovationsfähigkeit.
12. Vom Homo Faber zum Homo Innovaticus
Über lange Zeit wurde menschliche Entwicklung vor allem mit Wissen, Fertigkeiten, Leistung und der Beherrschung von Werkzeugen verbunden.
Der Homo Faber ist jener Mensch, der seine Umwelt durch technisches Können gestaltet.
Doch im Zeitalter Künstlicher Intelligenz gewinnen andere Fragen an Bedeutung.
Was möchten wir überhaupt gestalten? Welche Zukunft erscheint uns lebenswert? Was bedeutet menschliche Entwicklung, wenn Maschinen immer mehr technische und kognitive Aufgaben übernehmen können?
Der Homo Innovaticus erweitert den Gedanken des gestaltenden Menschen.
Er nutzt Technologie, um Möglichkeiten zu entdecken, entwickelt dabei aber zugleich seine eigenen Fähigkeiten zu Vorstellungskraft, Orientierung, Beziehung und Verantwortung.
Er begreift die Zukunft nicht als etwas, das ausschließlich durch Technologien auf ihn zukommt.
Er versteht sich selbst als einen Menschen im Werden, der diese Zukunft gemeinsam mit anderen beeinflussen kann.
Das kultivierte Tagträumen könnte dafür eine erste, besonders zugängliche Praxis sein.
Es eröffnet einen Raum, in dem wir uns nicht nur fragen, was technisch möglich werden könnte, sondern auch, wer wir selbst in dieser Zukunft sein möchten.
Und der MVIP weist einen Weg, auf dem aus dieser inneren Frage gesellschaftlich und beruflich wirksames Handeln entstehen kann.
Ein Ausblick für das Atelier
Mit dem gezielten, geführten, temporären und hinführenden Tagträumen möchte ich im Atelier Homo Innovaticus einen praktischen Entwicklungsansatz weiterentwickeln, wissenschaftlich vertiefen und gemeinsam mit interessierten Menschen in unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbereichen erproben.
Wir verbinden dazu Erkenntnisse der Kreativitäts- und Gehirnforschung mit den Möglichkeiten generativer KI und einem bewährten Grundgedanken der Innovationspraxis: Veränderung entsteht durch das Zusammenspiel von Vorstellungskraft, gemeinsamer Orientierung, sozialer Zusammenarbeit und verantwortlicher Umsetzung.
Wie wirksam diese Verbindung für die persönliche und berufliche Entwicklung tatsächlich ist, bleibt eine offene Forschungsfrage. Sie verdient eine sorgfältige praktische Erprobung.
Doch schon jetzt eröffnet sie eine neue Perspektive:
Wir müssen unsere Zukunft nicht allein aus dem ableiten, was heute bereits existiert.
Wir können lernen, uns andere Möglichkeiten vorzustellen, ihnen eine persönliche Bedeutung zu geben und gemeinsam Wege zu ihrer Verwirklichung zu entdecken.
Vielleicht beginnt die Zukunft nicht mit der nächsten technologischen Erfindung, sondern mit einem Menschen, der wieder gelernt hat, bewusst zu träumen – und den Mut findet, aus seinen Träumen Wirklichkeit werden zu lassen.
Wissenschaftliche Grundlagen und weiterführende Literatur
- Preiss, D. D., et al. (2026). Balancing spontaneous and controlled thought: mind wandering, mindfulness, playfulness, and creativity in adolescence. Frontiers in Psychology. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1706289
- Beaty, R. E., et al. (2018). Robust prediction of individual creative ability from brain functional connectivity. PNAS. https://doi.org/10.1073/pnas.1713532115
- Baird, B., et al. (2012). Inspired by distraction: Mind wandering facilitates creative incubation. Psychological Science. https://doi.org/10.1177/0956797612446024
- Wadinambiarachchi, S., et al. (2024). The Effects of Generative AI on Design Fixation and Divergent Thinking. CHI. https://doi.org/10.1145/3613904.3642919
- Doshi, A. R. & Hauser, O. P. (2024). Generative AI enhances individual creativity but reduces the collective diversity of novel content. Science Advances. https://doi.org/10.1126/sciadv.adn5290
- Wang, G., Wang, Y. & Gai, X. (2021). A Meta-Analysis of the Effects of Mental Contrasting With Implementation Intentions on Goal Attainment. Frontiers in Psychology. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.565202
Weiterführend: Hannes Erler, The Innovation Tribe, insbesondere Kapitel 9 sowie die Kapitel 15–18 zur Vorstellungskraft, zum Homo Innovaticus und zum MVIP.