Der Mensch ist noch nicht fertig
Eine Begegnung zwischen Michel Houellebecqs erschöpfter Moderne und der Möglichkeit des Homo Innovaticus.

Vielleicht hat Michel Houellebecq recht.
Vielleicht ist der moderne Mensch müde geworden.
Vielleicht haben wir Freiheit gewonnen und dabei etwas verloren, das wir erst bemerken, seit es fehlt.
Vielleicht sind wir selbstständiger geworden –
und einsamer.
Informierter –
und orientierungsloser.
Freier in unseren Entscheidungen –
und unsicherer darin, wofür wir uns eigentlich entscheiden sollen.
Das Verstörende an Houellebecqs Romanen ist für mich deshalb nicht zuerst ihre Kälte.
Es ist ihre Vertrautheit.
Seine Figuren sind häufig extrem.
Grotesk.
Manchmal schwer erträglich.
Und gerade dadurch machen sie etwas sichtbar, das in abgeschwächter Form mitten in unserer Gesellschaft existiert:
Menschen mit ungeheuren Möglichkeiten.
Mit Bildung.
Arbeit.
Sexualität.
Mobilität.
Konsum.
Information.
Und gleichzeitig Menschen, denen etwas Entscheidendes zu fehlen scheint:
Nähe.
Bindung.
Vertrauen.
Sinn.
Zugehörigkeit.
Eine Vorstellung davon, weshalb Zukunft überhaupt erstrebenswert sein sollte.
Ich möchte Houellebecq deshalb nicht als Philosophen behandeln, der uns ein abgeschlossenes Menschenbild liefert.
Ich lese ihn als einen außergewöhnlich scharfen literarischen Diagnostiker.
Er zeigt nicht einfach, wie der Mensch ist.
Er zeigt, was unter bestimmten kulturellen Bedingungen aus ihm werden kann.
Vielleicht ist der Mensch nicht gescheitert. Vielleicht ist nur ein bestimmtes Menschenbild erschöpft.
Ausweitung der Kampfzone
Schon Houellebecqs erster Roman Ausweitung der Kampfzone führt uns in eine bemerkenswert moderne Welt.
Der namenlose Erzähler ist Informatiker.
Er hat Arbeit.
Ein vernünftiges Einkommen.
Er funktioniert gesellschaftlich.
Und trotzdem scheint sein Leben fast leer.
Die wenigen menschlichen Kontakte entstehen überwiegend über die Arbeit. Depression, Entfremdung und emotionale Verarmung begleiten ihn.
Der Titel ist entscheidend.
Die „Kampfzone“ bleibt nicht auf Wirtschaft und Beruf beschränkt.
Im Denken des Erzählers breitet die Logik des Wettbewerbs sich bis in Sexualität und Beziehungen aus.
Auch dort gibt es Gewinner.
Verlierer.
Attraktivität.
Status.
Marktwert.
Konkurrenz.
Der Roman macht aus einer ökonomischen Logik plötzlich eine anthropologische Frage:
Was geschieht mit Menschen, wenn sie beginnen, auch sich selbst und andere nach Kategorien von Marktwert und Verwertbarkeit zu betrachten?
Vielleicht liegt hier bereits ein Kern der späteren Houellebecq-Welt.
Der Mensch ist formal frei.
Aber er erlebt die Freiheit zunehmend als Wettbewerb.
Und wer nicht gewinnt, findet kaum noch eine Sprache dafür, weshalb sein Leben dennoch Bedeutung haben könnte.
Elementarteilchen: Zwei Formen der Flucht
In Elementarteilchen wird diese Diagnose radikaler.
Die Halbbrüder Bruno und Michel könnten unterschiedlicher kaum sein.
Bruno lebt in einer fast zwanghaften Suche nach Sexualität und Begehren.
Michel ist Molekularbiologe und emotional weitgehend von der Welt zurückgezogen.
Der eine sucht Erlösung im Körper.
Der andere in Distanz, Rationalität und Wissenschaft.
Beide reagieren damit auf eine ähnliche Leerstelle:
Übersteigerung des Begehrens
und
Rückzug aus dem Begehren.
Der eine will immer mehr fühlen.
Der andere möglichst wenig.
Und beide haben Schwierigkeiten mit Beziehung.
Das ist bemerkenswert.
Denn plötzlich erscheint das Problem nicht mehr als Mangel an Freiheit.
Es erscheint als die Frage:
Was verbindet uns noch, wenn nahezu alles zur individuellen Wahl geworden ist?
Eine radikale Antwort: Den Menschen überwinden?
Elementarteilchen geht noch weiter.
Am Horizont erscheint schließlich eine posthumane Möglichkeit: eine zukünftige Menschheit, die zentrale biologische und sexuelle Bedingungen menschlichen Leidens technisch hinter sich lassen könnte.
Und genau hier wird die Begegnung mit Homo Innovaticus für mich besonders interessant.
Denn beide Denkbewegungen beginnen an einem ähnlichen Punkt:
Der gegenwärtige Mensch ist nicht das Ende der Geschichte.
Danach trennen sich die Wege.
Die posthumane Fantasie fragt:
Könnten wir das Leiden des Menschen dadurch überwinden, dass wir den Menschen selbst technisch überwinden?
Homo Innovaticus fragt etwas anderes:
Können wir menschlicher werden, ohne das Schwierige am Menschsein abzuschaffen?
Nicht Beziehung abschaffen, weil sie verletzlich macht.
Sondern beziehungsfähiger werden.
Nicht Begehren abschaffen, weil es enttäuschen kann.
Sondern reifer damit umgehen.
Nicht Endlichkeit abschaffen.
Sondern Bedeutung innerhalb der Endlichkeit schaffen.
Nicht den Menschen technisch ersetzen.
Sondern seine schöpferischen, emotionalen, moralischen und relationalen Fähigkeiten weiterentwickeln.
Der Homo Innovaticus ist für mich deshalb kein Posthumanismus.
Er ist eine Arbeit an einer tieferen Humanität.
Serotonin: Wenn die Erschöpfung eine Landschaft bekommt
In Serotonin erhält Houellebecqs Diagnose noch eine andere Dimension.
Florent-Claude Labrouste ist Agraringenieur.
Beruflich und privat gescheitert.
Depressiv.
Medikamentiert.
Er verschwindet aus seinem bisherigen Leben und kehrt schließlich in die Normandie zurück.
Aber auch dort findet er keine heile Gegenwelt.
Die persönliche Depression begegnet einer bedrängten ländlichen Welt.
Landwirtschaft.
Globalisierung.
Marktdruck.
Verlust.
Einsamkeit.
Und damit bekommt die Erschöpfung plötzlich eine Landschaft.
Menschen verlieren Beziehungen.
Aber auch Regionen verlieren Beziehungen.
Produzenten zu ihren Märkten.
Menschen zu ihrer Arbeit.
Ökonomie zu Kultur.
Individuum zu Gemeinschaft.
Vielleicht ist Serotonin deshalb besonders nahe an jener Frage, die wir in „Die Welt ist Beziehung“ gestellt haben:
Was geschieht, wenn nicht nur einzelne Beziehungen zerbrechen,
sondern ganze Beziehungsgeflechte?
Dann wird Erschöpfung mehr als ein individueller Zustand.
Sie wird zur kulturellen Metapher.
Die große Befreiung
Wir sollten trotzdem vorsichtig sein.
Denn vieles, was Houellebecqs Romane problematisieren, entstand aus einer großen historischen Befreiungsbewegung.
Menschen wurden aus starren Rollen gelöst.
Herkunft wurde weniger Schicksal.
Frauen gewannen Selbstbestimmung.
Sexualität wurde von vielen repressiven Normen befreit.
Bildung und Mobilität nahmen zu.
Menschen konnten zunehmend selbst bestimmen,
was sie glauben,
wen sie lieben,
wie sie leben.
Ich möchte nicht zurück in eine Gesellschaft, in der Gemeinschaft dadurch entsteht, dass der Einzelne keine Wahl hat.
Aber jede Befreiung erzeugt eine neue Aufgabe.
Wenn Tradition nicht mehr entscheidet,
muss ich entscheiden.
Wenn meine Rolle nicht mehr feststeht,
muss ich herausfinden, wer ich sein will.
Wenn mir niemand mehr verbindlich sagt, was ein gelungenes Leben ist,
muss ich selbst eine Antwort entwickeln.
Was tun wir mit der Freiheit, wenn uns niemand mehr sagt, wofür sie da ist?
Vielleicht haben wir diese zweite Hälfte der Freiheit unterschätzt.
Freiheit ohne Richtung
Wir haben unglaublich viele Möglichkeiten geschaffen.
Aber Möglichkeit ist noch keine Bedeutung.
Ich kann zwischen tausend Produkten wählen.
Das sagt mir nicht, was ich brauche.
Ich kann fast jeden Menschen kontaktieren.
Das sagt mir nicht, wem ich vertrauen kann.
Ich kann meine Meinung jederzeit veröffentlichen.
Das sagt mir nicht, ob ich etwas zu sagen habe.
Ich kann meinen Lebenslauf optimieren.
Das sagt mir nicht, wofür ich mein Leben einsetzen möchte.
Und irgendwann kann sogar Freiheit ermüden.
Denn wenn alles möglich bleibt,
wird jede Entscheidung provisorisch.
Vielleicht ein besserer Job.
Eine andere Stadt.
Eine andere Beziehung.
Ein anderes Leben.
Dann kann aus Freiheit Bindungslosigkeit werden.
Nicht weil uns jemand verbietet, uns zu binden.
Sondern weil jede Bindung auch als Verlust anderer Möglichkeiten erscheint.
Der Mensch als Konsument seiner selbst
Hinzu kommt eine zweite Logik.
Der Mensch als Konsument.
Wir wählen nicht nur Produkte.
Wir beginnen immer mehr Lebensbereiche mit denselben Fragen zu betrachten:
Gefällt es mir?
Passt es zu mir?
Was bringt es mir?
Gibt es etwas Besseres?
Auf Märkten funktioniert diese Logik.
Aber Beziehungen sind keine Produkte.
Gemeinschaft ist kein Service.
Eine Landschaft ist kein Erlebnisangebot.
Und ein anderer Mensch existiert nicht zu meiner Optimierung.
Trotzdem optimieren wir.
Zeit.
Körper.
Reichweite.
Karriere.
Kontakte.
Produktivität.
Vielleicht sogar Glück.
Doch Glück verweigert sich häufig gerade der direkten Optimierung.
Sinn noch mehr.
Vielleicht ist nicht der Mensch erschöpft
An diesem Punkt nehme ich Houellebecqs literarische Diagnose sehr ernst.
Aber ich möchte ihr nicht das letzte Wort geben.
Denn vielleicht beobachten wir
Vereinzelung,
Zynismus,
Bindungsangst,
Sinnverlust,
Erschöpfung
und schließen daraus:
So ist der Mensch eben.
Vielleicht ist das voreilig.
Vielleicht ist nicht der Mensch erschöpft. Vielleicht ist ein bestimmtes Bild vom Menschen erschöpft.
Der Mensch als
autonome Einheit,
Nutzenmaximierer,
Konsument seiner Möglichkeiten,
Konkurrent,
Selbstoptimierungsprojekt.
Dieses Menschenbild hat ungeheure Kräfte freigesetzt:
Initiative.
Wissenschaft.
Unternehmertum.
Selbstbestimmung.
Erfindungsgeist.
Aber vielleicht stößt es dort an seine Grenze, wo Menschen entdecken:
Ich kann mich nicht allein hervorbringen.
Der Mensch ist noch nicht fertig
Hier beginnt für mich der Homo Innovaticus.
Nicht als Gegenfigur zu Houellebecqs Figuren.
Nicht als fröhlicher Optimist.
Nicht als Mensch 2.0.
Und schon gar nicht als Supermensch.
Der Homo Innovaticus kennt Zweifel.
Scheitern.
Angst.
Nichtwissen.
Einsamkeit.
Widerspruch.
Aber er betrachtet diese Zustände nicht als endgültige Definition des Menschen.
Denn ihm liegt eine andere Annahme zugrunde:
Der Mensch ist noch nicht fertig.
Nicht biologisch.
Nicht als nächstes Evolutionsprodukt.
Sondern kulturell.
Innerlich.
Sozial.
Schöpferisch.
In The Innovation Tribe ist Homo Innovaticus mit emotionaler Intelligenz, kulturellem Bewusstsein, Sinnsuche und innerer Transformation verbunden. Neugier und Reflexion sollen ebenso wichtig werden wie reine Leistung; Führung stärker auf Vertrauen, Verbindung und gemeinsamen Zweck ausgerichtet sein.
Der Mensch kann sein Verhältnis verändern.
Zu sich.
Zu anderen.
Zu Arbeit.
Zu Technologie.
Zu Natur.
Zu Zukunft.
Vielleicht liegt darin eine unserer erstaunlichsten Fähigkeiten:
Wir können eine Vorstellung davon entwickeln,
wer wir noch nicht sind.
Selbstwerdung statt Selbstoptimierung
Innovation beginnt mit einer Vorstellung.
Etwas existiert noch nicht.
Und trotzdem können wir es bereits imaginieren.
Ein anderes Produkt.
Eine andere Organisation.
Eine andere Zukunft.
Warum sollte diese Fähigkeit nur für die äußere Welt gelten?
Warum nicht auch für uns?
Vielleicht ist Homo Innovaticus die Anwendung unserer schöpferischen Kraft auf die eigene Entwicklung.
Nicht:
Wie kann ich effizienter werden?
Sondern:
Welcher Mensch möchte ich werden?
Und:
Welcher Mensch wird in dieser Zeit gebraucht?
Selbstoptimierung verbessert das bestehende Modell.
Selbstwerdung kann das Modell verändern.
Keine Flucht zurück
Aber auch der Weg zurück wäre falsch.
Wenn Individualisierung einsam macht, könnten wir die alte Gemeinschaft romantisieren.
Tradition.
Klare Rollen.
Autorität.
Zugehörigkeit.
Doch auch diese Welt hatte ihren Preis:
Konformität.
Ausgrenzung.
Starre Hierarchien.
Unterdrückte Individualität.
Deshalb geht es nicht um
Individualität oder Gemeinschaft.
Sondern um:
Individualität in Beziehung.
Oder mit Ubuntu:
I am because we are.
The Innovation Tribe verbindet dieses Prinzip mit einer Innovationskultur, in der neue Formen des Menschseins gemeinsam entstehen sollen.
Die Aufgabe wäre nicht, die moderne Freiheit zurückzunehmen.
Sondern ihr relationale Reife hinzuzufügen.
Sich von der Welt verändern lassen
Wir sprechen ständig davon, die Welt zu verändern.
Organisationen transformieren.
Gesellschaft transformieren.
Energie.
Bildung.
Technologie.
Aber diese Sprache enthält einen seltsamen Abstand.
Hier wir.
Dort die Welt.
Vielleicht ist wirkliche Transformation anspruchsvoller.
Du kannst die Welt nicht verändern, ohne dich von ihr verändern zu lassen.
Wer wirklich zuhört, bleibt nicht derselbe.
Wer liebt, bleibt nicht derselbe.
Wer einer anderen Kultur begegnet, bleibt nicht derselbe.
Wer Verantwortung übernimmt, bleibt nicht derselbe.
Wer eine neue Wirklichkeit ernsthaft verstehen möchte, muss riskieren, dass seine alte Vorstellung nicht mehr ausreicht.
Vielleicht ist genau das Transformation:
Nicht nur etwas verändert sich durch mich.
Auch ich verändere mich durch das, dem ich begegne.
Die Intelligenz des Nichtwissens
Houellebecqs Figuren wirken oft so, als hätten sie ihre Illusionen verloren.
Sie durchschauen.
Sex.
Ökonomie.
Status.
Altern.
Macht.
Zynismus besitzt deshalb eine gefährlich attraktive Eigenschaft:
Er kann kaum enttäuscht werden.
Wer nichts erwartet,
kann kaum betrogen werden.
Aber er zahlt einen hohen Preis.
Denn Zukunft braucht einen Raum, den Zynismus schlecht betreten kann:
den Raum des Noch-nicht-Wissens.
Der Homo Innovaticus muss nicht naiv werden.
Aber er muss die Fähigkeit behalten,
überrascht zu werden.
Von einem Menschen.
Von einer Idee.
Von einer Begegnung.
Von sich selbst.
Und dann kommt AI
Erst an diesem Punkt möchte ich künstliche Intelligenz in diesen Text hineinlassen.
Denn die interessante Frage lautet jetzt nicht mehr:
Was kann AI?
Sondern:
Auf welchen Menschen trifft AI?
Was passiert, wenn eine der leistungsfähigsten Technologien unserer Geschichte auf einen Menschen trifft,
der bereits nicht mehr weiß, was er eigentlich will?
Wenn der erschöpfte Mensch effizientere Systeme erhält?
Der orientierungslose Mensch noch mehr Informationen?
Der einsame Mensch künstliche Gegenüber, die immer verfügbar sind?
Der Selbstoptimierer eine Maschine, die ihn noch genauer analysiert?
AI besitzt enorme Möglichkeiten.
The Innovation Tribe versteht sie deshalb nicht als Gegner, sondern als Erweiterung menschlichen Lernens und menschlicher Möglichkeiten. Gleichzeitig bleibt Innovation dort an Vorstellungskraft, moralische Orientierung, Verantwortung und menschliche Erfahrung gebunden.
Gerade deshalb ist das Menschenbild entscheidend.
Technologie verstärkt.
Und nicht alles, was verstärkt werden kann,
sollte verstärkt werden.
Vielleicht liegt eine der größten Gefahren nicht darin, dass unsere Technologien nicht tun, was wir wollen. Sondern darin, dass sie es zu gut tun – bevor wir geklärt haben, was wir wirklich wollen sollten.
Das bequeme Gegenüber
Eine AI wartet.
Sie wird nicht müde.
Sie kann sich anpassen.
Ein Mensch ist schwieriger.
Er widerspricht.
Missversteht.
Hat eigene Bedürfnisse.
Eine eigene Geschichte.
Eine eigene Freiheit.
Vielleicht wird AI uns gerade dadurch etwas über Beziehung lehren.
Denn ein wirklicher anderer Mensch ist kein Gegenüber, das für mich optimiert wurde.
Beziehung verlangt deshalb
Geduld,
Grenzen,
Verhandlung,
Selbstkorrektur.
Vielleicht brauchen wir im AI-Zeitalter deshalb neben technologischer Kompetenz eine andere Fähigkeit besonders dringend:
Andersheitskompetenz.
Mit Menschen leben können,
die sich nicht an uns anpassen.
Vielleicht brauchen wir Houellebecq
Und genau deshalb möchte ich Houellebecq nicht widerlegen.
Vielleicht brauchen wir ihn.
Ausweitung der Kampfzone zeigt, was geschehen kann, wenn Wettbewerb bis in die Intimsphäre dringt.
Elementarteilchen zeigt Menschen, die auf unterschiedliche Weise kaum noch in tragfähige Beziehung finden – und führt die Flucht aus menschlicher Verletzlichkeit schließlich bis an einen posthumanen Horizont.
Serotonin verbindet persönliche Erschöpfung mit der Erschöpfung sozialer, wirtschaftlicher und landschaftlicher Lebensräume.
Vielleicht brauchen wir solche Bücher,
weil sie uns zeigen,
wo Freiheit in Einsamkeit kippen kann,
wo Lust ihre Nähe verliert,
wo Konsum den Hunger nicht stillt,
wo Fortschritt seine Richtung verliert
und wo Ironie alles durchschaut,
aber nichts mehr berührt.
Das ist keine geringe literarische Leistung.
Aber Diagnose ist noch keine Bestimmung.
Der Mensch kann sich selbst überraschen
Menschen verändern sich.
Manchmal spät.
Manchmal unerwartet.
Ein Gegner wird Verbündeter.
Ein Verlust verändert Prioritäten.
Eine Begegnung richtet ein Leben neu aus.
Ein Gedanke bekommt Jahrzehnte später Bedeutung.
Menschen können verzeihen.
Zurückkehren.
Neu beginnen.
Deshalb möchte ich in einer Zeit, die menschliches Verhalten zunehmend vorherzusagen versucht, etwas schützen:
die Möglichkeit des nicht abgeschlossenen Menschen.
Nicht grenzenlos.
Nicht beliebig.
Aber offen.
Homo Innovaticus ist keine Antwort
Auch deshalb darf Homo Innovaticus kein abgeschlossenes Modell werden.
Der Begriff wäre tot, sobald er vorgäbe, den idealen Menschen zu beschreiben.
Er ist eine Frage.
Kann ich neugierig bleiben?
Kann ich mich verändern?
Kann ich Beziehungen aufbauen, die Unterschied aushalten?
Kann ich Technologie nutzen, ohne meine Verantwortung abzugeben?
Kann ich Nichtwissen ertragen?
Kann ich etwas schaffen, dessen Nutzen nicht bei mir endet?
Kann ich zugleich Individuum und Teil eines größeren Ganzen sein?
Das entspricht der Grundbewegung von The Innovation Tribe: Innovation soll nicht nur Neues erzeugen, sondern Systeme, Werte und Lernkulturen fördern, in denen menschliche, soziale und ökologische Dimensionen gedeihen können.
Vielleicht ist Homo Innovaticus deshalb weniger Identität als Praxis.
Nicht:
Ich bin Homo Innovaticus.
Sondern:
Ich versuche, einer zu werden.
Und dieser Versuch endet nicht.
Der Mensch ist noch nicht fertig
Darin liegt schließlich mein Widerspruch gegen jede endgültig pessimistische Anthropologie.
Nicht:
Der Mensch ist gut.
Dafür gibt es zu viele Gegenbeweise.
Nicht:
Der Mensch wird automatisch besser.
Auch das wäre naiv.
Sondern:
Der Mensch besitzt die Möglichkeit, anders zu werden, als er gerade ist.
Diese Möglichkeit ist zerbrechlich.
Sie braucht
Bildung.
Beziehungen.
Kultur.
Zeit.
Vorstellungskraft.
Beispiele.
Räume.
Und Menschen, die uns manchmal eine Möglichkeit zutrauen, bevor wir sie selbst sehen.
Der Mensch ist noch nicht fertig.
Das ist keine Entschuldigung.
Es ist eine Verpflichtung.
Eine andere Version von uns
Vielleicht brauchen wir deshalb nicht zuerst ein neues Versprechen darüber, wie großartig die Zukunft wird.
Vielleicht brauchen wir ein glaubwürdigeres Bild davon,
wie wir selbst in dieser Zukunft leben wollen.
Nicht als bessere Konsumenten.
Nicht als Anhängsel intelligenter Maschinen.
Nicht als isolierte Individualisten.
Nicht als nostalgische Mitglieder geschlossener Gemeinschaften.
Sondern als Menschen,
die Freiheit gebrauchen können,
ohne Beziehung zu verlieren;
die sich binden können,
ohne sich aufzugeben;
die Technologien nutzen,
ohne sich von ihnen definieren zu lassen;
die wissen,
ohne ihr Nichtwissen zu verstecken;
die gestalten,
ohne alles kontrollieren zu wollen.
Vielleicht ist das keine Utopie.
Vielleicht ist es einfach die nächste Arbeit am Menschenbild.
Vielleicht besteht unsere Freiheit gerade darin, dass wir nicht auf jene Version des Menschen festgelegt sind, die unsere Gegenwart hervorgebracht hat.
Wir können anders werden.
Nicht ohne Vergangenheit.
Nicht ohne Grenzen.
Nicht ohne andere Menschen.
Aber anders.
Und vielleicht beginnt Homo Innovaticus genau dort:
Wo der Mensch sich nicht mit seiner eigenen Erschöpfung abfindet.
Feuilleton · 01
Atelier Homo Innovaticus
Hannes Erler
Michel Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone.
Michel Houellebecq, Elementarteilchen.
Michel Houellebecq, Serotonin.
Hannes Erler, The Innovation Tribe.