Essay · 02

Was bleibt menschlich, wenn Maschinen intelligent werden?

Über Imagination, implizites Wissen, Verkörperung, Urteilskraft und die menschliche Fähigkeit, neu zu beginnen.

Hannes ErlerTexteAtelier Homo Innovaticus
Ein Mensch steht zwischen einer algorithmisch geordneten Welt aus Daten und Modellen und einer lebendigen Welt aus Erfahrung, Beziehung, Imagination und Verantwortung.

Es gibt eine merkwürdige Art, über künstliche Intelligenz zu sprechen.

Immer wenn Maschinen etwas Neues lernen, beginnen wir Menschen aufzuzählen, was uns noch geblieben ist.

Sie können rechnen.

Aber wir können fühlen.

Sie können schreiben.

Aber wir sind kreativ.

Sie können Bilder erzeugen.

Aber wir besitzen Imagination.

Sie analysieren Daten.

Aber wir haben Intuition.

Es klingt manchmal, als würden wir ein Territorium verteidigen, das kleiner wird.

Als stünde der Mensch auf einer Insel und müsste bei jedem technologischen Fortschritt einige Meter Land abtreten.

Vielleicht ist bereits dieses Bild falsch.

Denn Menschlichkeit ist kein Restbestand.

Sie lässt sich nicht dadurch definieren, dass wir eine Liste jener Fähigkeiten führen, die eine Maschine noch nicht beherrscht.

Heute Kreativität.

Morgen Empathie.

Übermorgen Intuition.

Wenn wir unser Menschenbild so bauen, machen wir es vom nächsten technischen Durchbruch abhängig.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören zu fragen:

Was kann AI nicht?

Und stattdessen fragen:

WAS WIRD AM MENSCHEN WERTVOLLER, GERADE WEIL MASCHINEN IMMER LEISTUNGSFÄHIGER WERDEN?

Die falsche Konkurrenz

Wenn wir Mensch und Maschine ausschließlich vergleichen, geraten wir schnell in einen Wettbewerb, den wir selbst falsch definiert haben.

Wer rechnet schneller?

Wer erinnert mehr?

Wer verarbeitet größere Datenmengen?

Wer schreibt schneller einen Text?

Wer erzeugt mehr Varianten?

Wer erkennt mehr Muster?

In vielen dieser Bereiche werden Maschinen uns übertreffen.

Das sollte uns nicht überraschen.

Wir haben sie genau dafür gebaut.

Ein Bagger ist stärker als mein Arm.

Ein Auto schneller als meine Beine.

Ein Taschenrechner besser im Multiplizieren.

Wir haben daraus nie geschlossen, dass der menschliche Arm, das Gehen oder mathematisches Verständnis bedeutungslos geworden seien.

Warum also sollte menschliche Intelligenz ihren Wert verlieren, weil wir Maschinen geschaffen haben, die bestimmte Formen kognitiver Leistung besser ausführen?

Vielleicht besteht das Problem darin, dass wir Intelligenz zu lange mit Leistung verwechselt haben.

Schneller.

Mehr.

Genauer.

Effizienter.

Aber selbst perfekte Leistungsfähigkeit beantwortet noch keine der Fragen, die am Ende zählen:

Wofür?

Warum?

Für wen?

Zu welchem Preis?

Und:

Sollten wir es überhaupt tun?

Je mehr Maschinen können, desto wichtiger wird die Frage, wofür wir ihr Können einsetzen.

AI kann unser Können erweitern

In The Innovation Tribe habe ich AI deshalb nie primär als Gegner verstanden.

Im Gegenteil.

Sie kann eine ungeheure Erweiterung menschlicher Möglichkeiten sein.

Sie kann Wissen zugänglich machen.

Information ordnen.

Zusammenhänge erkennen.

Hypothesen erzeugen.

Varianten entwickeln.

Sprachen überbrücken.

Menschen und Wissensgebiete verbinden.

Im Buch beschreibe ich AI deshalb als mögliche Erweiterung menschlichen Lernens und unserer kognitiven Fähigkeiten – gleichzeitig aber mit der Notwendigkeit, Bedeutung, moralische Orientierung und Verantwortung beim Menschen zu halten.

Für jemanden, der Neues schaffen möchte, ist das faszinierend.

Ich habe dafür einmal das Bild einer wundersamen Versammlung verwendet:

Als säßen plötzlich Spezialisten aus unterschiedlichsten Disziplinen und Zeiten mit uns in einem Raum und warteten auf unsere Fragen.

Sie sind schnell.

Geduldig.

Sie entdecken Verbindungen.

Sie erzeugen Möglichkeiten.

Aber ihre Ergebnisse müssen wieder in sozialen Austausch, Prüfung und menschliche Entscheidung zurückgeführt werden.

Denn:

Eine Möglichkeit ist noch keine Bedeutung.

Und Wissen ist noch nicht Verstehen.

Michael Polanyi: Wir wissen mehr, als wir sagen können

Michael Polanyi stellte lange vor der digitalen Revolution eine Behauptung auf, die im AI-Zeitalter erstaunlich aktuell wirkt.

Nicht alles Wissen lässt sich vollständig explizieren.

Dafür prägte er den Begriff des tacit knowledge, des impliziten Wissens.

Wir können ein Gesicht erkennen, ohne vollständig erklären zu können, anhand welcher Merkmale wir es erkannt haben.

Wir können Fahrrad fahren, ohne während jeder Kurve die Physik des Gleichgewichts zu berechnen.

Eine erfahrene Handwerkerin hört manchmal, dass etwas mit einer Maschine nicht stimmt, bevor sie sagen kann, was genau.

Das ist kein mysteriöses Wissen.

Es ist Wissen, das in Erfahrung, Aufmerksamkeit und Praxis eingebettet ist.

Und Polanyi schützt uns damit vor einer Versuchung unserer datengetriebenen Zeit:

der Annahme, nur das sei wirkliches Wissen, was wir vollständig

messen,

formulieren,

codieren

und berechnen können.

Gerade in komplexen Situationen steckt ein Teil unseres Wissens möglicherweise längst in unserer Praxis, bevor er Sprache geworden ist.

Intuition ist nicht das Gegenteil von Wissen

Damit bekommt auch die Intuition einen anderen Stellenwert.

Wir wissen manchmal etwas,

bevor wir vollständig sagen können,

warum wir es wissen.

Intuition darf nicht romantisiert werden.

Sie kann falsch liegen.

Vorurteile enthalten.

Wunschdenken verstärken.

Darum braucht sie Prüfung.

Aber erfahrene Menschen kennen das Phänomen.

Die Ärztin, die spürt, dass etwas nicht ins übliche Krankheitsbild passt.

Der Techniker, der ein ungewöhnliches Geräusch wahrnimmt.

Die Musikerin, die merkt, dass eine Interpretation noch nicht trägt.

Der Entwickler, der auf einen Entwurf sieht und sagt:

Irgendetwas stimmt hier nicht.

In The Innovation Tribe beschreibe ich Intuition gerade dort als wichtig, wo wir das Bekannte verlassen und nonverbale Wahrnehmung unser Verständnis von Situationen und anderen Menschen erweitern kann.

Vielleicht ist Intuition manchmal

verdichtete Erfahrung, die noch nicht vollständig Sprache geworden ist.

AI kann uns helfen, sie zu prüfen.

Daten dagegenhalten.

Alternativen zeigen.

Blinde Flecken finden.

Aber diese Partnerschaft funktioniert nur, wenn wir unsere eigene Wahrnehmungsfähigkeit nicht verkümmern lassen.

Merleau-Ponty: Wir haben nicht nur einen Körper

Maurice Merleau-Ponty führt diesen Gedanken tiefer.

Der Körper ist bei ihm nicht bloß ein Behälter für einen Geist.

Unsere Verkörperung gehört dazu, wie uns Welt überhaupt erscheint.

Wir besitzen nicht zuerst ein objektives Weltmodell und schicken danach einen Körper hinein.

Wir begegnen der Welt von irgendwoher.

Mit Augen.

Händen.

Füßen.

Müdigkeit.

Schmerz.

Temperatur.

Berührung.

Nähe.

Abstand.

Verletzlichkeit.

Wir haben nicht bloß einen Körper.

In einem fundamentalen Sinn sind wir verkörperte Wesen.

Das bedeutet:

Die Welt ist für uns nicht zuerst Information.

Sie ist Erfahrung.

Francisco Varela: Erkennen geschieht im Handeln

Francisco Varela und der enaktive Ansatz der Kognitionswissenschaft führen diese Bewegung weiter.

Erkennen entsteht nicht nur dadurch, dass ein inneres System eine fertige Außenwelt abbildet.

Wir erkennen die Welt auch dadurch, dass wir in ihr handeln.

Ein Kind versteht Schwerkraft nicht zuerst durch eine Gleichung.

Es fällt.

Ein Tischler versteht Holz nicht nur über Materialdaten.

Er greift es.

Spürt Widerstand.

Hört das Werkzeug.

Ein Koch kennt Geschmack nicht durch chemische Analyse.

Er schmeckt.

Ein Mensch kennt Trauer nicht durch die Definition des Wortes.

Er verliert jemanden.

Natürlich können auch Maschinen Sensoren besitzen.

Roboter können handeln.

Künftige künstliche Systeme werden vermutlich viel stärker verkörpert sein als heutige Sprachmodelle.

Darum sollten wir nicht behaupten:

Verkörperung gehört für immer nur dem Menschen.

Die wichtigere Aussage ist:

UNSER MENSCHLICHES ERKENNEN IST NICHT VON UNSEREM GELEBTEN KÖRPER UND UNSERER LEBENSGESCHICHTE ZU TRENNEN.

Und damit wird Delegation plötzlich mehr als eine Produktivitätsfrage.

Denn wenn wir Tätigkeiten delegieren,

delegieren wir manchmal auch Erfahrungswege.

Und Erfahrungswege formen Menschen.

Damasio: Gefühl ist kein Störfaktor der Vernunft

Auch eine andere alte Trennung gerät dadurch ins Wanken:

Vernunft hier.

Gefühl dort.

Antonio Damasios Arbeiten haben wesentlich dazu beigetragen, diese einfache Opposition infrage zu stellen.

Emotionale und körperliche Prozesse sind nicht bloß Störungen vernünftigen Entscheidens.

Gerade in komplexen und unsicheren Situationen können sie daran beteiligt sein, Möglichkeiten zu bewerten und Entscheidungen überhaupt handhabbar zu machen.

Die genaue Somatic-Marker-Hypothese sollte dabei nicht zur endgültigen Gesamterklärung menschlichen Entscheidens erhoben werden.

Aber der größere Gedanke bleibt wichtig:

Vernünftiges Entscheiden ist nicht einfach gefühllose Berechnung.

Das wird für AI entscheidend.

Denn was bedeutet „die beste Entscheidung“,

wenn mehrere Werte miteinander kollidieren?

Effizienz und Würde.

Sicherheit und Freiheit.

Gegenwart und Zukunft.

Individueller Nutzen und gesellschaftliche Folgen.

Dann genügt Berechnung nicht.

Nicht weil Gefühl automatisch die richtige Antwort liefert.

Sondern weil menschliches Entscheiden immer auch bedeutet,

etwas als bedeutsam wahrzunehmen.

Wissen kann übertragen werden. Erfahrung muss durchlebt werden.

In The Innovation Tribe habe ich dafür die buddhistische Metapher vom Löffel verwendet, der die Suppe umrührt, ohne sie schmecken zu können.

Wissen ohne Verständnis bleibt hohl. Praktische Erfahrung und tiefes Verstehen gehören zur Transformation von Wissen in tragfähiges Handeln.

AI verschärft diese Frage.

Denn vielleicht können wir erstmals in großem Maßstab Resultate erhalten,

ohne jene Wege gegangen zu sein,

auf denen Menschen früher die Fähigkeiten entwickelten,

diese Resultate zu beurteilen.

Ein guter Text,

ohne schreiben gelernt zu haben.

Eine perfekte Zusammenfassung,

ohne das Buch gelesen zu haben.

Eine Lösung,

ohne das Problem durchdrungen zu haben.

Ein Entwurf,

ohne je etwas gebaut zu haben.

Das muss nicht schlecht sein.

Aber wir sollten fragen:

Was geschieht mit dem Menschen, wenn der Weg zum Resultat verschwindet?

Imagination: Eine Beziehung zum Noch-nicht

AI kann Bilder erzeugen.

Texte.

Musik.

Szenarien.

Designvarianten.

Aber Imagination ist für mich mehr als die Erzeugung eines neuartigen Outputs.

Imagination ist die Fähigkeit,

eine Wirklichkeit, die noch nicht existiert,

als bedeutsam zu erleben.

Wir können uns danach sehnen.

Uns davor fürchten.

Uns dafür einsetzen.

Unser Leben darauf ausrichten.

Ein Wissenschaftler sieht eine Erklärung, die noch nicht bewiesen ist.

Eine Unternehmerin sieht eine Organisation, die noch nicht existiert.

Eine politische Bewegung sieht eine Gesellschaft, die erst entstehen muss.

Ein Mensch sieht eine andere Version seiner selbst.

Das ist mehr als Bilderzeugung.

Es ist eine Beziehung zum Noch-nicht-Seienden.

In The Innovation Tribe gehört diese Sehnsucht nach Entdeckung, Gestaltung und tieferer Bedeutung zu den zentralen Triebkräften von Innovation.

AI kann den Möglichkeitsraum enorm erweitern.

Sie kann unserer Vorstellungskraft neues Material liefern.

Unbekannte Bilder.

Neue Verbindungen.

Andere Perspektiven.

Aber irgendwann muss jemand sagen:

Dorthin möchte ich.

AI KANN DEN MÖGLICHKEITSRAUM VERGRÖSSERN. ABER DER MENSCH MUSS ENTSCHEIDEN, WELCHE MÖGLICHKEIT ZUR ZUKUNFT WERDEN SOLL.

Hannah Arendt: Vielleicht ist Intelligenz gar nicht die entscheidende Kategorie

Und damit kommen wir zu Hannah Arendt.

Vielleicht liegt ihre besondere Bedeutung für das AI-Zeitalter darin, dass sie den Menschen nicht zuerst danach fragt,

was er produzieren kann.

In The Human Condition unterscheidet sie innerhalb der vita activa:

Arbeiten.

Herstellen.

Handeln.

Arbeiten dient der Erhaltung des Lebens.

Herstellen erzeugt die von Menschen geschaffene Welt der Dinge.

Aber Handeln ist etwas anderes.

Es geschieht zwischen Menschen.

Es braucht Pluralität.

Sprache.

Öffentlichkeit.

Freiheit.

Und es besitzt die Fähigkeit,

etwas Neues zu beginnen.

Plötzlich erscheint die AI-Debatte in einem anderen Licht.

Was geschieht, wenn Maschinen einen wachsenden Teil unseres Arbeitens übernehmen?

Vielleicht sogar unseres Herstellens?

Daraus muss nicht folgen, dass der Mensch bedeutungslos wird.

Vielleicht zwingt es uns vielmehr,

die dritte Dimension neu zu entdecken:

Handeln.

Nicht bloß etwas produzieren.

Sondern in einer gemeinsamen Welt mit anderen Menschen

einen Anfang setzen.

Die Fähigkeit, anzufangen

Hier kommt einer der schönsten Begriffe Arendts ins Spiel:

Natalität.

Gebürtlichkeit.

Freiheit bedeutet bei ihr nicht nur,

zwischen bereits vorhandenen Möglichkeiten wählen zu können.

Freiheit zeigt sich auch in der Fähigkeit,

etwas beginnen zu können.

Etwas in die Welt zu bringen,

das aus dem bisherigen Zustand nicht vollständig vorhersehbar war.

Das berührt den Homo Innovaticus an einem tiefen Punkt.

Innovation wird meist wirtschaftlich beschrieben.

Neues Produkt.

Neue Technologie.

Neues Geschäftsmodell.

Arendt erinnert uns daran:

Das Neue ist zunächst etwas Menschlicheres.

Menschsein bedeutet auch, Anfänge setzen zu können.

Nicht nur das Wahrscheinlichste fortzuschreiben.

Nicht nur die Vergangenheit zu extrapolieren.

Sondern sagen zu können:

Wir könnten es anders machen.

Der Homo Innovaticus ist deshalb nicht ein Mensch, der ständig Innovation produzieren muss.

Er ist ein Mensch, der sich die Möglichkeit erhält,

neu anzufangen.

Aber ein Anfang braucht die anderen

Bei Arendt geschieht dieses Handeln niemals allein.

Pluralität ist eine Grundbedingung menschlicher Welt.

Nicht „der Mensch“ lebt auf der Erde.

Menschen leben auf der Erde.

Gleich genug, um einander verstehen zu können.

Verschieden genug, dass niemand vollständig durch einen anderen ersetzbar ist.

Hier verbindet sich dieser Essay unmittelbar mit „Die Welt ist Beziehung“.

Vielleicht liegt ein fundamentales Missverständnis darin, Intelligenz ausschließlich als Eigenschaft eines isolierten Akteurs zu denken.

Wie intelligent ist der Mensch?

Wie intelligent ist die Maschine?

Aber eine menschliche Welt entsteht nicht durch die Intelligenz eines Einzelnen.

Sie entsteht zwischen Verschiedenen.

Darum müssen wir im AI-Zeitalter nicht nur individuelle Leistungsfähigkeit erhalten.

Wir müssen den Raum zwischen Menschen schützen,

in dem

Widerspruch,

Urteil,

Versprechen,

Vertrauen

und gemeinsames Handeln möglich bleiben.

Der Mensch ist mehr als seine Prognose

Handeln ist bei Arendt außerdem wesentlich unvorhersehbar.

Nicht weil Menschen einfach irrational wären.

Sondern weil jede Handlung in ein bereits bestehendes Geflecht menschlicher Beziehungen eintritt.

Andere antworten.

Diese Antworten erzeugen weitere Antworten.

Niemand kontrolliert die gesamte Kette.

Was für ein bemerkenswerter Gedanke in einer Zeit, die immer mehr prognostizieren möchte.

Kaufverhalten.

Gesundheitsrisiken.

Arbeitsleistung.

Karrieren.

Entscheidungen.

Vielleicht irgendwann immer größere Teile unserer Biografie.

AI wird viele Prognosen verbessern.

Aber gerade deshalb sollten wir einen Raum schützen,

in dem der Mensch nicht ausschließlich als

vorhersagbares Muster seiner Vergangenheit

behandelt wird.

Denn das verbindet Arendt unmittelbar mit unserem Feuilleton 01:

Der Mensch ist noch nicht fertig.

DER MENSCH IST MEHR ALS DIE WAHRSCHEINLICHSTE FORTSETZUNG SEINER DATEN.

Arendt und die Urteilskraft

Hier wird Arendt für unsere Frage nach Human-in-the-Loop besonders wichtig.

Sie beschäftigte sich intensiv damit,

was es bedeutet,

selbst zu denken und zu urteilen,

statt lediglich Regeln,

Konventionen

oder vorgegebene Systeme zu übernehmen.

Wir sollten historische Kontexte dabei nicht leichtfertig übertragen.

AI ist kein Totalitarismus.

Ein Algorithmus ist nicht Eichmann.

Aber die philosophische Frage dahinter ist für unsere Zeit enorm relevant:

Was geschieht mit Verantwortung, wenn Menschen sich daran gewöhnen, guten Empfehlungen einfach zu folgen?

Das System empfiehlt.

Der Score sagt.

Das Modell prognostiziert.

Die Daten zeigen.

Alle anderen machen es auch.

Und irgendwann heißt es:

Der Algorithmus hat entschieden.

Aber damit verschwindet Verantwortung nicht.

Sie wird nur unsichtbar.

Darum reicht mir Human-in-the-Loop inzwischen nicht mehr.

Wir brauchen:

URTEILSKRAFT IM LOOP.

Einen Menschen,

der nicht nur fragt:

Ist es effizient?

Ist es statistisch optimal?

Ist es technisch möglich?

Sondern:

Ist es richtig?

Und schließlich:

Kann ich dafür einstehen?

DER MENSCH BLEIBT NICHT IM LOOP, WEIL ER AM ENDE AUF EINEN KNOPF DRÜCKT. ER BLEIBT IM LOOP, WENN ER MITBESTIMMT, WAS ÜBERHAUPT ERSTREBENSWERT IST.

Das verändert die ganze Architektur von Human-in-the-Loop.

Der Mensch gehört nicht nur ans Ende.

Er gehört an den Anfang.

Zum Zweck.

In die Gestaltung.

An die Grenzen.

In die Interpretation.

In die Entscheidung.

Und in die Verantwortung.

Gerade deshalb verbindet The Innovation Tribe Innovation mit Werten sowie mit menschlichem, sozialem und ökologischem Kapital.

Das Paradox der Entlastung

AI verspricht Entlastung.

Viel davon ist willkommen.

Niemand muss repetitive Arbeit romantisieren.

Aber Entlastung besitzt eine zweite Seite.

Was geschieht mit Fähigkeiten,

die wir nicht mehr benutzen?

Was passiert,

wenn wir kaum noch selbst schreiben?

Nicht mehr suchen?

Nicht mehr orientieren?

Nicht mehr argumentieren?

Nicht mehr ausprobieren?

Hier treffen Polanyi, Merleau-Ponty, Varela und Arendt zusammen.

Denn Tätigkeiten erzeugen nicht nur Resultate.

Sie formen Menschen.

Ein Kind malt nicht, weil sein Bild besser ist als das einer generativen Maschine.

Es malt, weil beim Malen etwas mit dem Kind geschieht.

Wir musizieren nicht nur, um Schall zu erzeugen.

Beim Musizieren entstehen Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Beziehung.

Wir diskutieren nicht nur, um ein Ergebnis zu bekommen.

Wir lernen dabei,

zuzuhören,

zu widersprechen,

uns korrigieren zu lassen.

Wir schreiben nicht nur, um Text herzustellen.

Im Schreiben entdecken wir manchmal erst,

was wir denken.

Darum brauchen wir eine neue Unterscheidung:

Welche Tätigkeiten delegieren wir, weil nur ihr Ergebnis wichtig ist?

Und:

Welche behalten wir, weil der Weg selbst uns bildet?

Manches sollten wir nicht selbst tun, weil wir es besser können als die Maschine. Sondern weil es uns verändert, es selbst zu tun.

Sinn: Die Frage nach der Optimierung

Damit gelangen wir zum Sinn.

AI kann philosophische Antworten vergleichen.

Lebensziele sortieren.

Konsequenzen erklären.

Argumente erzeugen.

Aber irgendwann kommt für einen Menschen ein anderer Moment.

Er muss sagen:

Das ist mir wichtig.

Dafür stehe ich.

Dafür verzichte ich vielleicht auf etwas anderes.

Dafür übernehme ich Verantwortung.

Sinn ist keine zusätzliche Information.

Er entsteht in Beziehungen:

zu Menschen,

Aufgaben,

Orten,

Geschichten,

Gemeinschaften,

Vergangenheit

und Zukunft.

Darum wird die Sinnfrage durch AI nicht kleiner.

Sie wird größer.

Je leichter Dinge technisch möglich werden,

desto weniger beantwortet ihre Herstellbarkeit,

ob wir sie brauchen.

Nicht alles, was möglich wird, wird dadurch bedeutsam.

Homo Innovaticus ist nicht der bessere Computer

Der Homo Innovaticus muss deshalb kein besserer Computer werden.

Das wäre eine armselige Vorstellung von Zukunft.

Er muss auch keine ewige Liste exklusiv menschlicher Eigenschaften verteidigen.

Die Grenze wird sich weiter bewegen.

Maschinen werden Dinge tun, die wir heute noch für genuin menschlich halten.

Deshalb muss Homo Innovaticus tiefer gegründet sein.

Nicht:

Was kann nur ich?

Sondern:

Was bedeutet es, verantwortlich Mensch zu sein, während mein technologisches Können wächst?

Polanyi erinnert ihn:

Nicht alles Wissen ist vollständig explizit.

Merleau-Ponty:

Wir begegnen der Welt verkörpert.

Varela:

Erkennen entsteht im tätigen Verhältnis zur Welt.

Damasio:

Entscheiden ist nicht einfach gefühllose Berechnung.

Und Arendt:

Menschliches Leben besteht nicht nur aus Arbeiten und Herstellen.

Es besteht auch aus

Handeln.

Pluralität.

Urteilskraft.

Verantwortung.

Und der Fähigkeit,

einen Anfang zu setzen.

NICHT DARIN, WAS NUR DER MENSCH KANN, LIEGT SEINE ENTSCHEIDENDE ROLLE. SONDERN DARIN, WOFÜR ER VERANTWORTUNG ÜBERNIMMT.

Die zwei Tore

Damit komme ich zurück zu einem sehr praktischen Element des Homo-Innovaticus-Prozesses.

Den zwei Gates.

AI darf zunächst sehr viel.

Sie darf Ideen öffnen.

Verbindungen herstellen.

Widersprechen.

Überraschen.

Material für unsere Imagination liefern.

Der erste Raum soll weit sein.

Aber danach braucht es ein Tor.

Was lasse ich in mein Denken?

Was überzeugt mich?

Was verändert meine Vorstellung?

Und später ein zweites.

Was davon sende ich in die Welt?

Was hält dem Dialog mit anderen stand?

Was ist wahr genug?

Verantwortbar genug?

Reif genug?

In The Innovation Tribe beschreibe ich diese zwei Control Gates: einen weiten kreativen Raum und anschließend Intuition, soziale Prüfung, Wahrheitssuche und verantwortete Umsetzung.

Nach dieser philosophischen Tiefenbohrung würde ich sie noch klarer verstehen:

Gate 1 schützt meine innere Urteilskraft. Gate 2 schützt unsere gemeinsame Welt.

Vielleicht ist genau das Human-in-the-Loop nicht als technische Funktion,

sondern als kulturelle Praxis.

Was bleibt also menschlich?

Vielleicht war die Frage im Titel von Anfang an falsch gestellt.

Sie klingt, als müssten wir nach einer technologischen Flut durch die Landschaft gehen und einsammeln,

was vom Menschen noch übrig ist.

Aber vielleicht bleibt nicht weniger Mensch übrig.

Vielleicht zwingt uns AI vielmehr dazu,

endlich genauer zu fragen,

was wir mit Menschsein meinen.

Nicht primär:

Information.

Berechnung.

Produktivität.

Output.

Sondern:

eine mögliche Zukunft als bedeutsam erleben;

mehr wissen, als wir vollständig sagen können;

die Welt verkörpert erfahren;

Erfahrung in Urteil verwandeln;

mit anderen Verschiedenen gemeinsam handeln;

beginnen;

widersprechen;

urteilen;

Verantwortung übernehmen;

und etwas in die Welt bringen,

obwohl seine Folgen nie vollständig kontrollierbar sein werden.

Das ist kein romantischer Rückzug vor Technologie.

Im Gegenteil.

Je leistungsfähiger unsere Technologien werden,

desto dringlicher brauchen wir Menschen,

die mit ihnen mehr können als sie lediglich bedienen.

Menschen, die wissen,

wann sie fragen.

Wann sie zweifeln.

Wann sie zuhören.

Wann sie widersprechen.

Wann sie entscheiden.

Und manchmal:

wann sie etwas technisch Mögliches

nicht tun.

DIE ZUKUNFT DES MENSCHEN ENTSCHEIDET SICH NICHT DARAN, OB ER INTELLIGENTER BLEIBT ALS SEINE MASCHINEN. SONDERN DARAN, OB ER WEISE GENUG WIRD, MIT IHRER INTELLIGENZ UMZUGEHEN.

Vielleicht ist das die Aufgabe des Homo Innovaticus.

Nicht die Maschine klein zu halten.

Sondern den Menschen groß genug werden zu lassen,

mit seiner eigenen Schöpfung verantwortlich umzugehen.

Und Arendt fügt dem noch etwas Entscheidendes hinzu:

Zukunft entsteht nicht nur dadurch,

dass wir das Vorhandene immer besser berechnen.

Sie entsteht auch,

wenn Menschen unter anderen Menschen

den Mut besitzen,

einen Anfang zu machen.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb am Ende nicht:

Was bleibt menschlich?

Sondern:

WAS WOLLEN WIR MENSCHLICHER MACHEN, GERADE WEIL MASCHINEN IMMER INTELLIGENTER WERDEN?

Essay · 02
Atelier Homo Innovaticus
Hannes Erler

Quellenhinweise

Hannes Erler, The Innovation Tribe.

Michael Polanyi, The Tacit Dimension.

Maurice Merleau-Ponty, Phenomenology of Perception.

Francisco Varela, Evan Thompson & Eleanor Rosch, The Embodied Mind.

Antonio Damasio, Descartes' Error.

Hannah Arendt, The Human Condition.

Essay · 02 · Was bleibt menschlich, wenn Maschinen intelligent werden?