Essay · 01

Die Welt ist Beziehung

Was der Homo Innovaticus von einer relationalen Sicht auf die Welt lernen kann.

Hannes ErlerTexteAtelier Homo Innovaticus
Menschen in ruhiger Landschaft verbunden durch feine goldene Linien – Beziehung als grundlegende Wirklichkeit

Manche Gedanken verändern nicht sofort unsere Meinung.

Sie verändern zunächst die Perspektive, aus der wir überhaupt auf die Welt schauen.

Vielleicht gehört die Idee der Relationalität dazu.

Denn eines der hartnäckigsten Missverständnisse unserer modernen Kultur beginnt mit einer scheinbar selbstverständlichen Vorstellung:

Da ist zuerst der Mensch.

Ein Ich.

Mit seinen Fähigkeiten, Interessen, Bedürfnissen, Rechten und Zielen.

Und dann treten die anderen hinzu.

Familie, Kollegen, Organisation, Gesellschaft, Natur, Technologie.

Wir sagen dann, dieser Mensch geht Beziehungen ein.

Als wäre er vorher schon vollständig gewesen.

Als wäre Beziehung etwas, das nachträglich zu einem fertigen Individuum hinzukommt.

Aber was, wenn diese Reihenfolge nicht stimmt?

Was, wenn wir nicht zuerst einzelne Wesen sind, die anschließend Beziehungen herstellen?

Was, wenn wir vielmehr erst in und durch Beziehungen zu dem werden, was wir sind?

Diese Frage führt hinein in das Denken, das Arturo Escobar, Michal Osterweil und Kriti Sharma in Relationality: An Emergent Politics of Life Beyond the Human entwickeln.

Und sie führt erstaunlich direkt zu einer Frage, die mich seit The Innovation Tribe begleitet:

Was für ein Mensch kann in einer Welt leben und gestalten, die nicht aus getrennten Dingen, sondern aus Beziehungen besteht?

Vielleicht beginnt genau hier eine weitere Spur zum Homo Innovaticus.

Die Illusion der getrennten Dinge

Unsere moderne Welt liebt Einheiten.

Menschen.

Unternehmen.

Abteilungen.

Produkte.

Märkte.

Staaten.

Technologien.

Wir benennen sie, zählen sie, vermessen sie, weisen ihnen Eigenschaften zu.

Und danach zeichnen wir Linien zwischen ihnen und nennen das Netzwerk, Organisation, Lieferkette, Partnerschaft oder Ökosystem.

Diese Sichtweise ist außerordentlich nützlich.

Aber vielleicht ist sie gleichzeitig unvollständig.

Denn ein Unternehmen ist nicht nur eine juristische Einheit. Es existiert durch Menschen, die einander vertrauen oder misstrauen; durch Kunden, Lieferanten, Wissen, Geschichte, Rohstoffe, Energie, Gesetze und gemeinsame Erzählungen.

Ein Mensch ist ebenso wenig nur ein biologisch abgegrenzter Körper.

Unsere Sprache haben wir von anderen bekommen.

Unsere Vorstellung davon, was richtig und falsch ist, entstand in Beziehungen.

Unsere Identität wurde durch Eltern, Freunde, Lehrer, Gegner, Kulturen, Orte und Erfahrungen geformt.

Selbst die Vorstellung, vollkommen unabhängig zu sein, haben wir irgendwo gelernt.

Die relationale Perspektive dreht deshalb eine grundlegende Frage um.

Sie fragt nicht zuerst:

Was ist dieses Ding?

Sondern:

Durch welche Beziehungen wird es zu dem, was es ist?

Das ist keine sprachliche Feinheit.

Es verändert unseren Blick auf Wirklichkeit.

Relationalität ist mehr als Verbundenheit

Was Escobar, Osterweil und Sharma mit Relationality meinen, geht deutlich weiter als die freundliche Feststellung, dass irgendwie alles miteinander verbunden sei.

Ihr Ausgangspunkt ist radikaler.

Sie sehen hinter verschiedenen Krisen unserer Zeit – Klima, Energie, Ernährung, Ungleichheit und Sinn – eine tief verankerte Grundannahme der Moderne: die Vorstellung einer fundamentalen Getrenntheit der Dinge. Dem setzen sie Relationalität als Bewusstsein grundlegender Interdependenz entgegen.

Hier Mensch – dort Natur.

Hier Subjekt – dort Objekt.

Hier Geist – dort Materie.

Hier Individuum – dort Gesellschaft.

Hier Wirtschaft – dort Ökologie.

Der philosophische Hintergrund ist damit eine Kritik am ontologischen Dualismus: an der Vorstellung, Wirklichkeit bestehe zunächst aus voneinander getrennten Einheiten, die erst danach miteinander in Kontakt treten.

Relationalität sagt nicht bloß:

Die Dinge beeinflussen einander.

Sie sagt etwas Grundsätzlicheres:

Die Beziehungen gehören zu dem, was die Dinge überhaupt sind.

Ein Wald ist dann mehr als eine Ansammlung von Bäumen.

Eine Organisation mehr als die Summe ihrer Mitarbeitenden.

Ein Mensch mehr als ein abgeschlossenes Individuum.

Das Buch selbst verbindet philosophische, naturwissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Quellen relationalen Denkens und führt diese bis zu relationalen Praktiken und pluriversalen Formen des Welt-Machens weiter.

Gerade das interessiert mich.

Relationalität ist weder eine romantische Sozialphilosophie noch ein neues Wort für Networking.

Sie ist der Versuch, unsere Vorstellung von Wirklichkeit selbst zu verändern.

Was, wenn Beziehung vorher kommt?

Wir sind gewohnt, Beziehungen als Linien zwischen bereits bestehenden Punkten zu zeichnen.

A verbindet sich mit B.

B verbindet sich mit C.

Das Netzwerk entsteht.

Relationales Denken geht einen Schritt weiter.

Auch A wäre ohne seine Beziehungen nicht dasselbe A.

Und B nicht dasselbe B.

Beziehung verbindet also nicht nur.

Beziehung verändert.

Sie bringt Wirklichkeit mit hervor.

Ein Kind wird zum Menschen in Beziehung.

Ein Musiker wird zum Musiker in Beziehung zu Instrument, Lehrer, Musik, Tradition und Zuhörern.

Eine Idee wird zur Innovation durch Beziehungen zwischen Erfinderinnen, Entwicklern, Anwendern, Kritikern, Kapital, Material, Kultur und Zeit.

Vielleicht ist gerade Innovation deshalb ein besonders guter Ort, um Relationalität zu beobachten.

Denn kaum irgendwo wird deutlicher, wie wenig das Neue tatsächlich aus einer isolierten Quelle entsteht.

Der Mythos des genialen Einzelnen

Wir lieben Geschichten über Erfinder.

Den genialen Menschen im Labor.

Den Unternehmer in der Garage.

Die Künstlerin vor der leeren Leinwand.

Diese Menschen gibt es.

Außergewöhnliche Individualität ist real und wertvoll.

Aber die Erzählung wird falsch, sobald wir aus dem außergewöhnlichen Individuum ein isoliertes Individuum machen.

Denn auch eine geniale Idee benötigt Sprache, Vorwissen, Material, Werkzeuge, Widerspruch – und irgendwann Menschen, die aus einer Vorstellung Wirklichkeit machen.

In The Innovation Tribe bin ich immer wieder auf genau dieses Muster gestoßen. Innovation benötigt neben Fachwissen und formaler Macht auch Menschen, die Beziehungen herstellen und sogar Akteure miteinander verbinden können, die sonst kaum zueinanderfinden würden. Dafür beschreibe ich dort die Rolle des Relationship Promoter.

Eine gute Idee kann in schlechten Beziehungen sterben.

Eine zunächst unvollständige Idee kann in tragfähigen Beziehungen wachsen.

Damit verschiebt sich die Innovationsfrage.

Nicht nur:

Wer hat die beste Idee?

Sondern:

Welche Konstellation lässt etwas entstehen, das vorher keiner allein sehen konnte?

Eine persönliche Spur: von Open Space zu Ubuntu

Meine eigene Annäherung an diesen Gedanken begann nicht mit relationaler Ontologie.

Sie begann in der Praxis.

Als ich Harrison Owens Open Space Technology kennenlernte und später immer wieder damit arbeitete, faszinierte mich nicht nur, dass große Gruppen sich mit erstaunlich wenigen Regeln selbst organisieren können.

Mich beschäftigte etwas anderes.

Man verließ einen guten Open Space fast immer mit neuen Einsichten – nicht nur über das Thema, sondern über die Verbindungen zwischen Menschen, Ideen und Systemen.

Eine Person begegnete jemandem, mit dem sie sonst nie gesprochen hätte.

Eine Geschichte öffnete eine neue Perspektive.

Zwei zunächst getrennte Themen berührten sich.

Die Gruppe wusste am Ende mehr, als die Summe dessen erwarten ließ, was die Einzelnen vorher wussten.

Genau diese Erfahrung beschreibe ich auch in The Innovation Tribe.

Erst später begegnete mir die Beschäftigung mit Ubuntu und Willem de Liefdes Beschreibung der Lekgotla, des afrikanischen Gesprächs- und Gemeinschaftskreises.

Und da hatte ich tatsächlich einen jener seltenen Eureka-Momente.

Plötzlich sah ich eine Verbindung zwischen zwei Welten, die zunächst weit auseinanderzuliegen schienen:

Harrison Owens Open Space

und

die Lekgotla.

Beide standen für mich für Einladung statt Zwang.

Für Zuhören.

Für Geschichten.

Für Teilhabe.

Für eine Form von Führung, die weniger durch Kommando als durch die Gestaltung eines gemeinsamen Raumes wirkt.

Diesen persönlichen Erkenntnismoment – die Verbindung zwischen Open Space und Lekgotla – habe ich auch in The Innovation Tribe beschrieben.

Und dann stand dieser einfache Satz im Raum:

I am because we are.

Ich bin, weil wir sind.

Was mich daran faszinierte, war nicht nur seine moralische Schönheit.

Es war seine praktische Wahrheit.

Denn ich hatte genau das erlebt.

In Open Spaces.

In Innovationsteams.

Beim Aufbau von Netzwerken.

In Situationen, in denen niemand allein die Antwort besaß.

Innovation entsteht nicht nur in Menschen. Sie entsteht zwischen ihnen.

In den folgenden Jahren begann ich, solche Prinzipien bewusster in meiner Rolle als VP Innovation, in Teams und beim Aufbau unseres Open-Innovation-Netzwerks zu erproben. Dabei habe ich nicht erlebt, dass Ubuntu Hierarchie einfach ersetzt oder Offenheit alle Organisationsprobleme löst. Solche Räume brauchen Facilitation, Reflexion und die Fähigkeit, innerhalb bestehender Strukturen eine andere Kooperationskultur lebendig zu halten. Auch diese Spannung beschreibe ich im Buch.

Vielleicht hatte ich damals praktisch erfahren, was ich erst später philosophisch deutlicher benennen konnte.

Ich bin, weil wir sind

Ubuntu bedeutet für mich nicht:

Ich löse mich im Kollektiv auf.

Das wäre nur das andere Extrem.

„Ich bin, weil wir sind“ bedeutet:

Mein Ich entsteht nicht unabhängig vom Wir.

Vielleicht wird Individualität dadurch sogar wertvoller.

Denn Beziehung braucht Unterschied.

Erst weil du nicht ich bist, kann zwischen uns etwas entstehen.

Deshalb ist eine relationale Welt keineswegs eine harmonische Welt.

Im Gegenteil.

Beziehung ist nicht Harmonie

Wenn wir Beziehung idealisieren, machen wir sie schnell bedeutungslos.

Eine gute Beziehung ist nicht eine Beziehung ohne Spannung oder Konflikt.

Vielleicht erkennt man ihre Qualität gerade daran, wie viel Unterschied sie aushalten kann, ohne die Verbindung zu zerstören.

Das gilt für Freundschaft und Partnerschaft.

Für Organisationen.

Für Wissenschaft.

Für Politik.

Und besonders für Innovation.

Innovation braucht Differenz:

andere Erfahrungen,

andere Disziplinen,

andere Interessen,

andere Weltbilder.

Wenn alle im Raum dieselbe Wirklichkeit sehen, entsteht häufig nur eine elegante Fortsetzung der Vergangenheit.

Das Neue tritt oft dort auf, wo unterschiedliche Wirklichkeiten einander begegnen.

Das ist auch der Grund, warum Vertrauen so wesentlich wird. In The Innovation Tribe spielen Kooperation, Gegenseitigkeit, Transparenz und die Fähigkeit, nach Störungen wieder zur Kooperation zurückzufinden, eine zentrale Rolle.

Vielleicht ist eine der wichtigsten Fähigkeiten des Homo Innovaticus deshalb nicht, möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, dass er recht hat.

Sondern:

mit Menschen verbunden bleiben zu können, die die Welt anders sehen.

Eine Beziehung, die Unterschied tragen kann, wird zum Erkenntnisraum.

Der Homo Innovaticus ist ein relationaler Mensch

Damit verändert sich auch mein eigenes Bild des Homo Innovaticus.

Vielleicht habe ich ihn zunächst stärker aus der Perspektive des Einzelnen betrachtet:

als neugierigen,

intuitiven,

schöpferischen,

wandlungsfähigen,

verantwortlichen Menschen.

Das bleibt richtig.

Aber es reicht nicht.

Denn keine dieser Fähigkeiten existiert vollkommen isoliert.

Kreativität braucht Material.

Intuition braucht Erfahrung.

Verantwortung braucht jemanden oder etwas, wofür wir sie übernehmen.

Sinn entsteht in Zusammenhängen.

Selbstwerdung geschieht nicht außerhalb von Beziehungen.

Deshalb würde ich heute deutlicher sagen:

Der Homo Innovaticus ist ein relationaler Mensch.

Nicht weil er besonders viele Kontakte besitzt.

Nicht weil er gut „networkt“.

Sondern weil er versteht:

Ich gestalte niemals allein.

Jede Entscheidung verändert Beziehungen – zu anderen Menschen, Organisationen, Gesellschaft, Natur, kommenden Generationen und zunehmend auch zur Technologie.

Der Homo Innovaticus ist damit nicht nur ein Mensch mit neuen Fähigkeiten.

Er ist ein Mensch mit einem anderen Verständnis seiner Verbundenheit.

Die entscheidende Ressource liegt auch zwischen uns

Stellen wir uns zwei Organisationen vor.

In beiden arbeiten dieselben hochqualifizierten Menschen.

Im ersten Unternehmen vertrauen sie einander. Sie können Unwissen zugeben, widersprechen, Wissen teilen, früh um Hilfe bitten und Konflikte austragen.

Im zweiten schützen dieselben Menschen Informationen, verbergen Fehler, kämpfen um Status und interpretieren Kritik als Angriff.

Die Summe individueller Kompetenzen ist dieselbe.

Die Fähigkeit des Systems ist vollkommen verschieden.

Was fehlt?

Nicht Wissen.

Beziehungsinfrastruktur.

Die entscheidenden Ressourcen befinden sich nicht nur in den Menschen. Ein Teil befindet sich zwischen ihnen.

Damit gewinnt auch der Innovation Steward eine tiefere Bedeutung.

Wir haben ihn im Atelier als einen mandatierten, vertrauensbasierten Orchestrator des gemeinsamen Möglichkeitsraums beschrieben.

Relational gedacht achtet er besonders auf das Dazwischen.

Wer spricht miteinander?

Welche Stimme fehlt?

Wo ist Vertrauen beschädigt?

Welche Unterschiede werden unterdrückt?

Wo existiert Verbindung nur auf dem Organigramm?

In The Innovation Tribe findet sich bereits ein Vorläufer dieser Rolle: In der Phase orchestrierter Veränderung erhält der Handelnde ausdrücklich die zusätzliche Aufgabe eines Relationship Manager, der systemische und persönliche Barrieren wahrnehmen und bearbeiten soll.

Der Steward besitzt Beziehungen nicht.

Er kontrolliert sie nicht.

Er schützt die Möglichkeit, dass die für einen gemeinsamen Zweck notwendigen Beziehungen arbeitsfähig bleiben.

Beyond the Human

Bis hierher könnte man glauben, Relationalität sei vor allem eine Theorie menschlicher Beziehungen.

Das wäre zu eng.

Schon der Untertitel des Buches weist darüber hinaus:

An Emergent Politics of Life Beyond the Human.

„Beyond the Human“ bedeutet nicht, den Menschen unwichtig zu machen.

Es bedeutet, ihn aus der Vorstellung zu lösen, er sei der souveräne Mittelpunkt, um den sich der Rest der Wirklichkeit dreht.

Escobar, Osterweil und Sharma beschreiben den Übergang von nichtrelationalen Lebensweisen hin zu relationalen Geflechten, die mit menschlichen und nichtmenschlichen Anderen gemeinsam hervorgebracht werden. Ihre Perspektive bezieht ausdrücklich Körper, Ökosysteme, Städte und den Planeten ein.

Das verändert unsere Sprache.

Ein Baum ist dann nicht ausschließlich Rohstoff.

Ein Fluss nicht nur Ressource.

Eine Landschaft nicht nur Standort.

Ein Mensch nicht nur Nutzer.

Und Technologie nicht nur neutrales Werkzeug.

Alles tritt in Beziehungen ein, verändert anderes und wird selbst verändert.

Das Buch führt diesen Gedanken bis zu einem „Designing Relationally“ und zu pluriversalen Formen des Welt-Machens weiter. Gestaltung produziert dann nicht einfach Gegenstände innerhalb einer gegebenen Welt. Sie ist daran beteiligt, welche Welt Wirklichkeit wird.

Für den Homo Innovaticus entsteht daraus eine anspruchsvollere Innovationsfrage.

Nicht nur:

Welche Folgen hat meine Innovation?

Sondern:

Welche Beziehungswelt erzeuge ich durch sie?

Zwischen Mensch und Natur?

Zwischen Produzent und Nutzer?

Zwischen Gegenwart und kommenden Generationen?

Zwischen Wissen und Macht?

Zwischen Mensch und Maschine?

Und dann kommt AI in die Beziehung

Wir sprechen häufig von AI als Werkzeug.

Das ist nicht falsch.

Aber es wird zunehmend unvollständig.

Denn AI tritt in Bereiche ein, die bisher stark durch menschliche Interaktion geprägt waren.

Wir fragen sie um Rat.

Wir denken mit ihr.

Wir lassen sie schreiben, Bilder erzeugen, Wissen erklären, Lernprozesse begleiten und Möglichkeiten suchen.

Etwas bleibt technisch ein System und nimmt zugleich in unserem Alltag zunehmend eine relationale Rolle ein.

Deshalb dürfen wir die Frage nicht auf

„Wie leistungsfähig ist AI?“

reduzieren.

Welche Art von Beziehung wollen wir zu intelligenten Technologien entwickeln?

Eine der Abhängigkeit?

Der Delegation?

Der Konkurrenz?

Oder eine bewusste Zusammenarbeit?

In meinen bisherigen Arbeiten verstehe ich AI als Partner bei Inspiration, Wissen, Vernetzung und Erweiterung von Möglichkeitsräumen – nicht als Ersatz menschlicher Agency. Maschinen können Möglichkeiten erzeugen; Richtung, Bedeutung und Verantwortung bleiben menschliche Aufgaben.

Relational gedacht kommt etwas hinzu:

Technologie verändert nicht nur,

was wir tun.

Sie verändert auch,

wie wir uns zueinander verhalten

und möglicherweise sogar,

wie wir uns selbst verstehen.

Was, wenn die Maschine immer geduldig ist?

Eine AI wartet.

Sie wird nicht müde.

Sie ist verfügbar.

Sie passt sich unserer Sprache an.

Menschen sind schwieriger.

Sie missverstehen uns.

Sie widersprechen.

Sie haben eigene Bedürfnisse und ihre eigene Geschichte.

Aber genau darin liegt etwas Entscheidendes.

Ein anderer Mensch ist kein perfekt auf mich abgestimmtes Gegenüber.

Eine wirkliche Beziehung verlangt deshalb etwas von mir:

Geduld.

Zuhören.

Grenzen.

Verhandlung.

Selbstkorrektur.

Die Fähigkeit, nicht immer recht zu bekommen.

AI kann uns helfen, Perspektiven zu erkennen, Konflikte vorzubereiten, Sprachen zu überbrücken und Menschen zu finden.

Aber wir sollten aufpassen, dass technologische Beziehungssimulation uns nicht daran gewöhnt,

nur noch mit Gegenübern gut auszukommen, die sich uns anpassen.

Vielleicht wird gerade im Zeitalter intelligenter Maschinen die Fähigkeit, mit einem wirklichen anderen Menschen in Beziehung zu bleiben, besonders kostbar.

Wie kann unsere Beziehung stark genug werden, dass du anders bleiben darfst?

Denn wenn ich dich nicht zu meiner Version der Welt machen muss,

kann deine andere Welt meine verändern.

Von der Transaktion zur Beziehung

Unsere Gesellschaft ist außerordentlich gut darin geworden, Transaktionen zu organisieren.

Verträge.

Preise.

Rechte.

Pflichten.

Leistungen.

Regeln.

Sie sind unverzichtbar.

Aber eine Gesellschaft kann nicht nur aus Transaktionen bestehen.

Ein Vertrag kann festlegen, was ich tun muss.

Er kann nicht erzwingen, dass ich dir vertraue.

Eine Plattform kann Verbindung herstellen.

Nicht Gemeinschaft.

Ein Gesetz kann Verhalten begrenzen.

Nicht Verantwortung erzeugen.

Vielleicht liegt eine Aufgabe unserer Zeit darin, die Leistungsfähigkeit unserer Transaktionssysteme wieder mit einer Kultur der Beziehung zu verbinden.

Denn je komplexer eine Welt wird, desto weniger können wir jede Situation im Voraus regeln.

Irgendwann müssen Menschen miteinander umgehen können, obwohl kein Prozess beschreibt, was jetzt richtig wäre.

Dort beginnen Vertrauen, Urteilskraft und Verantwortung.

Eine Gesellschaft der Beziehungsfähigkeit

Was würde es bedeuten, wenn wir diesen Gedanken auf Gesellschaft anwenden?

Wir investieren gewaltig in individuelle Leistungsfähigkeit.

Bildung.

Qualifikation.

Karriere.

Produktivität.

Mobilität.

Das ist nicht falsch.

Aber investieren wir vergleichbar stark in die Fähigkeit,

miteinander verschieden sein zu können?

In Orte wirklicher Begegnung?

In generationenübergreifenden Austausch?

In Zuhören?

In Konfliktfähigkeit?

In gemeinschaftliches Gestalten?

In Beziehungen zu Landschaft und Natur?

Vielleicht wäre eine Politik des Homo Innovaticus deshalb nicht zuerst eine Politik für immer leistungsfähigere Individuen.

Sondern eine Politik für tragfähigere Beziehungen.

Zwischen Generationen.

Zwischen Stadt und Land.

Zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Zwischen Wirtschaft und Natur.

Zwischen Technologie und Kultur.

Zwischen Gegenwart und Zukunft.

Autonomie in Beziehung

Damit verändert sich sogar unser Verständnis von Freiheit.

Wir denken Freiheit häufig als Abwesenheit von Bindung.

Je unabhängiger ich bin, desto freier bin ich.

Aber absolute Unabhängigkeit wäre vermutlich keine Freiheit.

Sie wäre Isolation.

Eine reifere Freiheit könnte darin bestehen,

Beziehungen eingehen zu können, ohne sich in ihnen zu verlieren.

Ich kann verbunden sein und Nein sagen.

Ich kann dazugehören und widersprechen.

Ich kann andere brauchen, ohne mich ihnen auszuliefern.

Nicht Autonomie gegen Beziehung.

Sondern:

Autonomie in Beziehung.

Wir werden nicht allein Homo Innovaticus

Damit komme ich zurück zum Ausgangspunkt.

Was für ein Mensch kann in einer relationalen Welt leben?

Vielleicht einer, der nicht versucht, alle Abhängigkeiten abzuschütteln.

Sondern lernt, bewusst mit ihnen umzugehen.

Ein Mensch, der versteht:

Meine Vorstellungskraft gehört mir – aber ihr Material kommt aus einer Welt.

Meine Ideen gehören mir – aber sie werden durch andere möglich.

Meine Entscheidungen treffe ich – aber ihre Folgen reichen über mich hinaus.

Meine Technologie erweitert mein Können – aber sie verändert Beziehungen, für die ich Verantwortung trage.

Mein Leben ist mein eigenes – und dennoch wäre ich ohne die anderen nicht der, der ich bin.

Vielleicht ist Homo Innovaticus deshalb weniger ein neues Individuum als eine neue Form des In-Beziehung-Seins.

Er versteht seine Individualität nicht als Gegenbegriff zur Beziehung.

Seine Freiheit nicht als Gegenbegriff zur Bindung.

Seine Kreativität nicht als rein private Leistung.

Seine Technologie nicht als etwas außerhalb der lebendigen Welt.

Und seine Zukunft nicht als etwas, das er allein herstellen könnte.

Die Welt ist nicht um uns herum

Vielleicht ist das letztlich die radikalste Verschiebung.

Wir sprechen vom

Menschen und seiner Umwelt.

Aber vielleicht ist dieses kleine Wort „und“ bereits Teil des Problems.

Wir stehen nicht hier,

während die Welt dort draußen geschieht.

Wir sind in ihr.

Wir verändern sie.

Und sie verändert uns.

Das gilt für Natur.

Für Gemeinschaft.

Für Kultur.

Für Technologie.

Für Innovation.

Für Zukunft.

Zukunft ist kein Ort, zu dem wir irgendwann gelangen.

Sie entsteht aus den Beziehungen, die wir heute herstellen, pflegen, zerstören, reparieren oder neu verbinden.

In The Innovation Tribe habe ich dafür einen Satz verwendet:

„The future is not a forecast. It’s a co-creation.“

Heute würde ich diesen Gedanken noch einen Schritt weiterführen.

Co-Creation ist nicht nur eine Methode der Innovation.

Vielleicht ist sie auch eine Beschreibung unserer Existenz.

Wir erschaffen uns und unsere Welt fortwährend miteinander.

Vielleicht ist die Zukunft des Menschen deshalb nicht die Geschichte seiner immer größeren Unabhängigkeit.

Sondern die Geschichte einer reiferen Form von Verbundenheit.

Nicht weniger Individualität.

Sondern Individualität, die ihre Beziehungen versteht.

Nicht weniger Freiheit.

Sondern Freiheit, die Verantwortung tragen kann.

Nicht weniger Technologie.

Sondern Technologie in einer bewussteren Beziehung zum Menschen und zur lebendigen Welt.

Nicht weniger Unterschied.

Sondern Beziehungen, die Unterschied aushalten können.

Und vielleicht beginnt Homo Innovaticus genau dort:

nicht nur bei der Frage,

Was kann ich werden?

sondern bei der größeren Frage:

Was können wir miteinander werden?

Essay · 01

Atelier Homo Innovaticus

Hannes Erler

Arturo Escobar, Michal Osterweil & Kriti Sharma, Relationality: An Emergent Politics of Life Beyond the Human.

Hannes Erler, The Innovation Tribe.

Harrison Owen, Open Space Technology.

Willem de Liefde, Lekgotla: The Art of Leadership Through Dialogue.